10.5.2016 Dorfspaltung – eine Tageszeitung zeigt, wie das geht.

Harheimschild

Harheim – Stadtteil Frankfurts oder ein hessisches fremdenfeindliches Dorf?

„Was halten denn die Motorradfreunde davon, dass gleich in der Nachbarschaft ein Flüchtlingsheim gebaut wird“. Jürgen Stöger war gerade auf dem Clubgelände mit den Vorbereitungen für das Vatertagsfest beschäftigt, da stellte sich ein „dürres Männlein in den Weg“ und sich als Journalist einer Frankfurter Tageszeitung vor. Er wolle ein Stimmungsbild des Clubs haben. Stöger allerdings konnte sich erinnern, mit den Motorradfreunden schon einmal von der Presse in die Nähe der Hells Angels gerückt worden zu sein, wünschte dem Fragenden noch freundlich einen schönen Tag und bat ihn, auf dem Club-Gelände nicht weiter im Wege zu stehen.

Aber immerhin konnte der Pressevertreter im schönen Harheim trotzdem noch auskunftswillige Menschen für seinen Stimmungsbericht finden. Was er herausgefunden hat? Ganz einfach: ein paar finden es ok, dass auch in Harheim Flüchtlinge untergebracht werden. Ein paar finden es nicht ok und haben Bedenken. Daraus schließt der Schreiber des Artikels glasklar mit der Sensationsmeldung: „Das Dorf ist gespalten“. So stehts in der Überschrift. Und er ergänzt mit dem Untertitel „Geplante Flüchtlingsunterkunft stößt in Harheim nicht nur auf Ablehnung“

Und nun? Ist das alles? Wo sind die News? Wo die Fakten? Gibt der geneigte Leser einen Euro Achtzig dafür aus, die Weltanschauung seiner Nachbarn zu erfahren? Oder gibt es vielleicht eine Vorgeschichte, von der der normale Leser gar nichts weiß?

Wenige Tage zuvor, am 28. April, hatte die Neue Presse schon einmal über die Flüchtlingsproblematik berichtet. Diesmal jedoch aus Nieder-Erlenbach. Dort sollen in der Mecklenburger Straße etwa 60 Menschen untergebracht werden. Die Nieder-Erlenbächer sehen das entspannt und gelassen. „Anders als in Harheim oder Bonames wo Bürger gegen dort geplante Unterkünfte protestieren“, schreibt Andreas Haupt in seinem Artikel. Der Chefredakteur der Lokalredaktion allerdings setzt nun noch einen oben drauf und sieht in seinem Kommentar in Harheim und Bonames eine „…Melange aus Fremdenfeindlichkeit und Besitzstandswahrung..“

Die Tatsache, dass in Nieder-Erlenbach 60 Flüchtlinge untergebracht werden, in Harheim 120 und in Bonames 350 spielt offenbar für die Journalisten keine weitere Rolle. Aber gut, das muss es auch nicht. Pressefreiheit schreibt ja nicht zwingend exakte Ausgewogenheit vor.

Manche Harheimer allerdings – vermutlich die, die das Kommentar gelesen haben – reagieren auf die pauschal angehängten Eigenschaften der Fremdenfeindlichkeit und Besitzstandswahrung verärgert. Ein Leser wirft FNP-Kommentator Tomic „undifferenzierte und zudem schlecht recherchierte Berichtserstattung“ vor und bezweifelt offen, dass dem Lokalchef nicht einmal die Lage der betroffenen Grundstücke bekannt sei. Der Stadtverordnete Günther Quirin ist ebenfalls stinksauer und empfiehlt Tomic sogar, sich öffentlich zu entschuldigen.

Jetzt fügen sich die Mosaiksteine plötzlich zu einem ganz neuen Bild zusammen. Könnte es nicht so sein, dass Thomas J. Schmidt, Verfasser des Artikels „Das gespaltene Dorf“, den Auftrag hatte, die Belege für die „Melange aus Fremdenfeindlichkeit und Besitzstandswahrung“  in Harheim aufzuspüren? Den Beweis herbeizuschaffen, dass Lokalchef Boris Tomic sich im Kommentar nicht vergaloppiert hat? Könnte es sein, dass die Frankfurter Neue Presse damit lieber Fakten schafft, anstelle sie zu suchen? Wir wissen es nicht. Selbstverständlich darf die Presse unter der Pressefreiheit alles schreiben. Allerdings hat gerade auch die Frankfurter Neue Presse in den kleinen Stadtteilen im Frankfurter Norden einen hervorragenden Ruf zu verlieren. Lohnt es sich, das aufs Spiel zu setzen, nur um Recht zu behalten?

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