23.06.2016 Fakten, Fragen und Zweifel: Flüchtlingsunterkunft Version 2.0

 

PowerPoint-Präsentation

Wohnen im Obstgarten

Wieder großer Bahnhof im Ortsbeirat: Vorsorglich war der große Saal angemietet und Polizei in Uniform anwesend für die Präsentation der Version 2.0 der geplanten Flüchtlingsunterkunft in Harheim-Süd. Aber dann war das Bürgerhaus nur mit etwa 100 friedlichen Interessierten leidlich besetzt. Immerhin, die neuen Pläne – bis zum Beginn der Sitzung hoch geheim – nahmen vielen Kritikpunkten den Wind aus den Segeln.

Die Hauptpersonen des Abends waren Dierk Dallwitz vom Deutschen Roten Kreuz, Markus Gildner, Geschäftsführer der Firma Solgarden GmbH und Manuela Skotnik, Pressesprecherin des Sozialdezernates.

„Leben im Obstgarten“ wurde das geplante Projekt getauft und so soll das grundsätzlich ablaufen: Die Firma Solgarden pachtet von der Stadt Frankfurt die Fläche im Niederfeld und baut zwanzig Reihenhäuser mit jeweils etwa 135 m² Wohnfläche. Ein Viertel der Wohnfläche muss den besonderen Anforderungen für Seniorenwohnen entsprechen. Sechzehn dieser Reihenhäuser vermietet Solgarden dann langfristig an das DRK als Gesamtmieter. Die vier restlichen Reihenhäuser bleiben bei Solgarden. Das DRK bringt in den sechzehn gemieteten Reihenhäuser vom Sozialdezernat zugewiesene Flüchtlinge unter und bietet außerdem bezahlbaren Wohnraum mit barrierefreiem Zugang und seniorengerechter Ausstattung an. Zu einem späteren Zeitpunkt könnte ambulante Pflege angeboten werden. Ebenso zu einem späteren Zeitpunkt will das DRK ein Angebot zur Tagespflege schaffen.

PowerPoint-Präsentation

Alle Abbildungen mit freundlicher Genehmigung von Markus Gildner, Solgarden GmbH

Fakten zählen:
Holzmodulbauweise mit Flachdach ist vom Tisch. Jetzt soll es konventionell gebaute Reihenhäuser geben, die zwar äußerlich gleich sind, im inneren aber flexibel in unterschiedlich große Wohneinheiten geplant werden können. So ist es möglich, ein großzügiges 7-Zimmer-Stadthaus oder ca. 50m² große 3-Zimmer-Wohnungen in äußerlich gleichen Reihenhäusern zu haben – aber auch umzubauen.

Projektentwickler Markus Gildner baut konventionell Stein-auf-Stein und kann die Häuser im Passivbaustandard errichten. Eine Unterkellerung ist ebenso möglich.

Von außen ist die Anlage nicht als Flüchtlingsunterkunft erkennbar. Ein Sicherheitsdienst ist nicht eingeplant. Eine Umzäunung des Geländes ist nicht vorgesehen. Die Bauweise ist dauerhaft, im Unterschied zur Holzmodulbauweise ist der Abbau nach Ablauf der Mietzeit nicht vorgesehen.

Sofern ein Viertel der Fläche, die vom DRK übernommen wird, mit Senioren belegt wird, werden in den Wohnungen der restlichen zwölf Reihenhäuser ca. 90 Flüchtlinge wohnen, mithin 18m² pro Person. Sicherlich eine deutliche Verbesserung gegenüber der ersten Planung, die nur knapp 10 m² pro Kopf vorgesehen hatte.

PowerPoint-PräsentationFragen und Zweifel bleiben:
–           So flexibel das Haus- und Raumkonzept auch sein mag, eine 3-Zimmer-Wohnung ist in den Beispielgrundrissen jedoch nirgendwo zu sehen. Sie wäre auch nur 44 m² groß und davon entfallen noch 10 m² für Flur und Bad. Und dann wäre immer noch keine Küche in der Wohnung. Die errechneten 18m² Fläche pro Person funktionieren also nur, wenn eine Wohneinheit mit zwei oder drei Personen belegt wird. Nun könnte man sie aber auch mit einer vier- oder gar fünfköpfige Familie (Eltern + zwei oder drei Kinder) belegen. Vorausgesetzt, man hätte genügend wohnungssuchende Flüchtlingsfamilien, könnte man die drei Wohnungseinheiten eines Reihenhauses mit je einer fünfköpfigen und zwei vierköpfigen Familien belegen. Sind 13 Menschen in jedem der 12 Häuser und macht zusammen 156 Flüchtlinge. Hoppla, war da nicht die Rede von 90 Flüchtlingen? Dem Bauunternehmer Markus Gildner kann das egal sein. Für das DRK könnte eine dichtere Belegung – vorsichtig gesagt – eine sattere Kostendeckung ermöglichen. Und das Sozialdezernat hat 66 Flüchtlinge zusätzlich untergebracht.

–           So schön die Vorgabe „mindestens 25% Seniorenwohnen“ klingen mag, sie hat allein baurechtliche Bedeutung: dieser Anteil der Wohnungen muss seniorengeeignete Eigenschaften aufweisen. Der Bauunternehmer hat darauf hingewiesen, dass die Treppenhäuser den Einbau eines Treppenliftes ermöglichen. Gut, die Frage nach der Barrierefreiheit wäre damit geklärt, die gehbehinderten können mit Treppenlift hochgebracht werden. Ob das den Brandschutzbestimmungen entspricht wird man noch sehn. Noch nicht geklärt ist dagegen, ob die seniorengeeigneten Wohnungen denn auch mit Senioren belegt werden. Lediglich in nebensätzlichen Bemerkung war zu entnehmen, dass die Wohnungen des ersten Bauabschnitts „erst einmal“ mit Flüchtlingen belegt werden. Ausdrücklich bemerkt: das muss einer langfristigen Belegung mit Senioren gar nicht widersprechen. Auch eingezogene Menschen aus anderen Teilen der Welt wollen vielleicht nicht ewig in Harheim wohnen bleiben und ziehen weg. Damit könnte im Laufe der Zeit ein höherer Anteil an Senioren erreicht werden. Eine Gewähr, dass 25% der Wohnungen mit Senioren belegt werden, existiert jedoch definitiv nicht.

–           Wenn der Innenausbau so wunderbar flexibel ist, wie dargestellt, kann man sicherlich auch für einzelne Häuser Grundrisse planen, die eine wohngemeinschaftliche Unterbringung von Einzelpersonen ermöglicht. Dass das Sozialdezernat im Niederfeld ausschließlich Familien von Flüchtlingen unterbringen will und keine Einzelpersonen, wurde zwar schon mehrfach versprochen, die Forderung in einem Antrag der Grünen, ausschließlich Familien in diesen Wohnungen unterzubringen, wurde von der Sozialdezernentin Birkenfeld (CDU) jedoch nicht beantwortet.

–           Wird Unternehmer Markus Gildner tatsächlich in Frankfurt so preisgünstig finanzieren und bauen können, dass dem DRK nach Abzug der Miet- und Nebenkosten und der weiteren Aufwändungen noch genügend Geld übrig bleibt, um mit der Unterbringung von Flüchtlingen dauerhaft wirtschaftlich schwarze Zahlen zu schreiben? Sollte das Gildner gelingen wäre ihm etwas gelungen, wonach in Frankfurt seit Jahren verzweifelt gesucht wird: Jemand, der tatsächlich durch Neubau preiswerten Wohnraum schaffen kann, ohne an der Qualität zu sparen.

–           Werden die Seniorenwohnungen auf dem freien Markt vergeben oder werden auch diese vom Sozialamt zugewiesen? Und was müssen Harheimer Seniorinnen und Senioren tun, um in eine solche Wohnung einziehen zu können? Weitgehend klar ist lediglich, dass Bauunternehmer Gildner den dritten Bauabschnitt mit vier Reihenhäuser selbst vermarkten wird. Ob er diese Immobilie vermieten wird oder als Eigentumswohnungen weiterverkaufen, dazu gibt es noch keine Angaben.

–           Wie will der Projektentwickler Solgarden und dessen Geschäftsführer Markus Gildner dieses Projekt überhaupt finanzieren? Eine Frage, die nach der traurigen Comedy-Show beim Berliner Flughafen auch den einen oder anderen Harheimer Bürger umtreibt. Unvergessen ist allen diese nette Geschichte des freundlichen Baulöwen Jürgen Schneider, dem es mit viel Charme gelungen ist, alle seine kreditgebenden Banken an der Nase herumzuführen. Die Sorge ist zwar berechtigt, aber Markus Gildner ist genausowenig verpflichtet, seine Finanzierung öffentlich vorzulegen, wie jeder andere Bauherr im Niederfeld, in Harheim, oder sonstwo. Daher muss die Antwort auch ausreichen, wenn Gildner angibt, das Projekt aus Eigenkapital und mit der Unterstützung einer bayerischen Bank zu finanzieren. Dass er das kann, hat er immerhin in mehreren Bauprojekten eindrucksvoll gezeigt.
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Fazit:
Weniger denn je müssen die Harheimerinnen und Harheimer befürchten, dass in einem lagerähnlichen Areal, von hohen Zäunen umgeben und von schwarzen Sheriffs bewacht ein Flüchtlingslager entsteht. Im Gegenteil. Die vorgelegten Pläne machen Hoffnung, dass nicht nur Menschen auf der Flucht eine menschenwürdige Wohnung und neue Heimat finden können, sondern auch dass die sichtbaren Barrieren und Zäune zum Rest von Harheim überflüssig sind. Und die Pläne machen weiterhin Hoffnung, dass es mit „Altenwohnungen“ in Harheim doch noch klappen könnte. Obwohl sich daran in den letzten Jahren nicht nur das Liegenschaftsamt die Zähne ausgebissen hat. In die aktuelle Planung sind viele kritische Anregungen und das tatkräftige Engagement vieler Harheimerinnen und Harheimer eingeflossen. Um dieses Projekt zu einem mustergültigen Erfolg zu machen ist konstruktive Kritik und Begleitung auch weiterhin wichtig. Damit dieses Projekt wirklich am Ende so sein wird, wie wir alle es haben wollen.

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