16.01.2018 Goldene Wasserhähne, Zimmerservice und Pool. Halb Harheim inspiziert die Flüchtlingswohnanlage.

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Wohnen für Geflüchtete: nüchterner Standard anstelle von Luxus

Probestaunen für die neugierige Harheimer Bevölkerung: die fertiggestellte Unterkunft für Geflüchtete im Niederfeld war zur Besichtigung freigegeben und wer es nicht besser wusste, hatte vielleicht angenommen dass da ein Winterschlussverkauf stattfindet oder Freibier ausgegeben wird. Halb Harheim war auf den Beinen und der interessierte Andrang hatte die Erwartungen des Betreibers DRK und der Vertreterinnen des Sozialdezernats weit übertroffen. Wie werden die geflüchteten Menschen in Harheim wohnen? Werden sie hier in Saus und Braus und allem erdenklichen Luxus in den neuen, modernen Reihenhäusern residieren können, oder ist es doch nur die nächste biedere Übergangsunterkunft auf einer langen Flucht ohne Anspruch auf ein bisschen Heimat? Die Wahrheit scheint – wie so oft – irgendwo in der Mitte zu liegen. Ein schönes, modernes Bad fällt auf und schafft es auch völlig ohne goldene Wasserhähne auf der Plus-Seite der Bilanz notiert zu werden. Projektentwickler Gildner belegt, dass sich Sozialwohnungsstandard und schöner Wohnen gar nicht mal ausschließen muss. Eine zweckmäßig eingerichtete kleine Küche kommt ebenso auf die Plus-Seite. Viele Geflüchtete werden Gemeinschaftsküchen satt haben. Aber damit es den Menschen, die hier wohnen werden, doch nicht allzu wohnlich wird und damit sie den deutschen Begriff „Standard“ in all seiner nüchternen Tragweite kennenlernen können, hatte der Betreiber DRK anstelle einfacher Kleiderschränke die vermutlich billigsten Blechspinde angeschafft, die es finden konnte, und die immerhin ansehlicheren Betten mit blauen Einheitsmatratzen ausgerüstet, deren Rückentauglichkeit bei längerem Gebrauch mancher Krankenkasse bedenkliche Sorgenfalten auf die Stirn zeichnen. Schließlich hatte auch die Frankfurter Bauaufsicht noch ein wenig dazu beigetragen, allzuviel vom „My home is my castle“-Gefühl zu verhindern. Die einzelnen familienfreundlichen 2ZiKB (zwei-Zimmer-Küche-Bad) Wohnungen durften gar keine abschließbare Wohnungstüre bekommen weil in den Reihenhäusern nicht zulässig. Mag sein, die obersten Bauplanungshüter wollten absichtlich die Unterbringung von Großfamilien fördern und den Charakter des gemeinschaftlichen Wohnens betonen. Wer das von den zukünftigen Bewohnern nicht mag, muss eben einen Teppich an die Türzarge hängen, sofern er oder sie auf dem Weg zwischen Schlafzimmer und Toilette von potentiellen Zuschauern im Treppenhaus nicht gesehen werden möchte.

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Home sweet home. Design-Element Kleiderschrank sorgt für Zuhause-feeling.

Ein komisches Gefühl bleibt dem einen oder der anderen Harheimerin dann doch zurück. Da hatte man monatelang engagiert dafür geworben, die Geflüchteten willkommen zu heißen, sie in Harheim freundlich aufzunehmen. Ein Runder Tisch sammelte Ideen und engagierte Menschen, um den fremden Menschen das Einleben in die Harheimer Normalität so leicht wie möglich zu machen. Weil diese Geflüchteten nicht nur übergangsweise im Niederfeld wohnen sollten. Sondern länger. Die Inneneinrichtung spricht aber eine ganz andere Sprache. Die Harheimer haben ihre Hausaufgaben gemacht. Weil sie rechtzeitig angefangen haben. Die Bewohner des familienfreundlichen kleinsten Stadtteils – vorne dran der Ortsbeirat – hatten schon vor vielen Monaten immer wieder darauf hingewiesen, dass vor Ort in der Schule und in den Kinderbetreuungseinrichtungen nicht einmal für die in Harheim wohnenden Familien ausreichende Betreuungsplätze zur Verfügung stehen. Nun werden zusätzlich 80 Menschen im Februar in der Wohnanlage im Niederfeld einziehen, die Hälfte davon Kinder und Jugendliche. Eine für die Stadt Frankfurt und für die Dezernentin für Bildung und Integration völlig überraschende Erkenntnis.

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