29.01.2020: Henne oder Ei? Ladestationen oder Elektroautos – was braucht man zuerst?

Ladestationen

öffentliche Ladestation in Pontassieve (ca. 20.000 Einwohner) bei Florenz.

Ein E-Auto kauf ich erst, wenn es ausreichend Ladestationen gibt“, sagt A. B dagegen sagt: „Ladestationen würde unser Unternehmen ja bauen, aber es gibt zu wenige Nutzer von E-Autos und zu wenig Nachfrage“. Ladestationen für E-Autos – brauchen wir die in Harheim? Auch wenn es kaum E-Autos gibt?

Die SPD im Ortsbeirat sagt ja, und will eine am Alten Harheimer Kirchplatz aufstellen, da wo heute Taxis parken dürfen. Die Grünen sagen auch ja, die wollen die Ladestation aber auf dem Parkplatz an der Bleiche (Zur Untermühle). Wahrscheinlich werden nun beide ihre Ladestationen nicht kriegen, und das hängt nicht einmal mit der CDU zusammen, die weder für das eine noch für das andere ist, und meint, Einzelaktionen bringen nichts, da muss erst mal ein Konzept her. Dieses Konzept gibt es überraschenderweise schon seit wenigen Wochen. Mit dem schön klingenden Titel „Elektromobilitätskonzept und Umsetzungsstrategie für die Stadt Frankfurt am Main“. Eine Studie im Auftrag der Stadt Frankfurt. Und beschreibt, wie es in der Bankenstadt Frankfurt mit dem Ausbau der E-Mobilität funktionieren soll. Viel Hoffnung für Harheim macht dieses Konzept aber leider nicht.

E-Mobilität

Ladestationen in Premeno am Lago Maggiore

Ladesäule ist nicht gleich Ladesäule. Das muss man wissen, um die Studie zu verstehen. Neben den Normalladesäulen mit haushaltsüblicher 220V Steckdose und einer Ladeleistung von bis zu 22kW gibt es Gleichstrom Schnellladesäulen mit 22kW bis 50kW. Die lassen sich meist einfach ins Niederspannungsnetz einbinden und könnten auf Parkplätzen, in Parkhäusern oder auch auf P&R-Parkplätzen stehen. Richtig interessant wird es aber erst mit den Schnellladesäulen mit mehr als 50kW (bis etwa 350kW) für das „urbane Schnelladen“. Bei diesen Ladestationen ist der aufwändige Anschluss ans Mittelspannungsnetz erforderlich, und das geht nicht überall. Damit kann ein Fahrzeug in etwa 20 Minuten fast voll geladen werden und man träumt nun von tankstellenähnlichen Ladeanlagen. Hinfahren – einstöpseln – 20 min Zeitunglesen – abstöpseln – zahlen – weiterfahren. Alles super. Hätten diese Super-Schnellladestationen nicht einen eklatanten Nachteil: die sind sehr viel teurer. Da aber das E-Auto um so mehr Sinn macht, je schneller es geladen werden kann, werden möglichst viele von diesen E-Tankstellen gebraucht. Man möge sich doch nur die Horrorsituation vorstellen, dass Hunderttausende morgens stolz mit ihrem E-Auto zur IAA aber abends nicht mehr nach Hause kommen, weil vor den wenigen Ladestationen lange Schlangen stehen.

Das E-Mobilitätskonzept schlägt da nun vor, möglichst viele E-Tankstellen an den Hauptverkehrsadern der Stadt einzurichten, damit halbwegs problemfrei auf dem Weg zur Arbeit oder zum Mandanten ein Paar Watt Strom eingefüllt werden können. Harheim liegt aber nicht an einer Hauptverkehrsader. Also wird es keine E-Tankstelle geben. Und schon gar nicht an der Bleiche oder am Alten Kirchplatz.

Ladestation_20200118_163145

Ladestation bei Baumarkt Maeusel, Bad Vilbel

Nun gibt es aber noch ein anderes Problemchen, das beim Lesen des Konzepts sich in den Vordergrund drängt. Die Stadt Frankfurt hat dargestellt, dass Hochleistungsladestationen aktuell eine hohe finanzielle Investition erfordern und nicht wirtschaftlich betrieben werden können. Und da will die Stadt sich raushalten. Analysiert man die Aufteilung der To-Do-Liste des Konzepts, überlässt man die Anschaffung der E-Fahrzeuge den Bürgern und Gewerbetreibenden, die Einrichtung und den Betrieb der Ladestationen sollen Energieversorger, Industrie, Handel und gewerbliche Anbieter stemmen, – inclusive der Investitionen. Und was bleibt nun noch für die Stadt Frankfurt übrig zu tun? Ganz einfach: Die Stadt stellt die Rahmenbedingungen auf.
Wer also nun vermutet, die Stadt der Banken überlässt alles, was Geld kostet anderen, und stellt nur die Spielregeln auf, wie das Geld ausgegeben wird, der liegt nicht so ganz daneben.

Den Bedarf an Ladestationen rechnet die Studie für Harheim bis auf 17 hoch. Aber werden Ladestationen in Harheim entstehen? Eher nicht. Viel spricht dafür, dass die großen Energieversorger teure öffentliche Ladestationen dort einrichten werden wo viel Verkehr und viel Umsatz ist. Aber da bliebe ja noch die Möglichkeit, dass Handel, Gewerbe und Industrie oder sogar Vereine Ladestationen auf ihrem Parkplatz aufstellen, so wie Aldi in Nieder-Erlenbach oder Maeusel in Bad Vilbel, und die Kunden oder Mitglieder während ihres Fussballtrainings oder beim Einkaufen ihr Fahrzeug mit Strom betranken.

Tatsächlich gibt es diese Möglichkeit. Sie muss aber auch von Handel, Gewerbe, Industrie und Vereinen vorfinanziert werden. Ob sich darum Netto, der Comet, die SG Harheim oder der TV Harheim reißen werden, das kann man nicht ausschließen. Aber sechs Richtige im Lotto könnten wahrscheinlicher sein.

Aber – braucht man überhaupt eine Ladeinfrastruktur für E-Autos? Wenn es kaum E-Autos gibt?

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2 Antworten zu 29.01.2020: Henne oder Ei? Ladestationen oder Elektroautos – was braucht man zuerst?

  1. Robert Hanke schreibt:

    Ladestationen gehören in die eigene Garage, oder für die Laternenparker, an die Straßenlaternen, dann aber an jede.

    • hseuffert schreibt:

      Ladestation in der Garage: Ja schon. Und was machen die, die keine Garage haben?
      Ladestation an der Straßenlaterne: Ja schon, wer bezahlt Investition und laufende Kosten?

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