22.02.2021: Frankfurter Verkehrspolitik 2021: Wer sein Rad liebt, der schiebt.

Sichere Fahrradwege? Luxus für den Frankfurter Verkehrsdezernenten.

Vielleicht hatte Frankfurts Verkehrsdezernent Klaus Oesterling (SPD) noch nie viel fürs Fahrradfahren übrig. Zu mühsam vielleicht. Möglich aber auch, dass ihn nur die Stadtteile am Stadtrand nicht interessieren. Zu weit weg. Zu dörflich. Zu grün. Tatsache bleibt: der Countdown läuft, die Uhr tickt und gegen Ende des Jahres wird der Bahnübergang in Berkersheim für immer geschlossen. Ab diesem Zeitpunkt kann der Fahrradverkehr die Eisenbahngleise nicht mehr tretend und im Sattel überqueren. Den Verkehrsdezernenten und Experten für zeitgemäße Mobilität ficht das nicht an. Die Spaßradler*innen können immerhin über einen Behelfssteg ihr Zweirad auf die andere Seite schieben. Wie das eine Familie mit zwei Kindern im Anhänger oder auf dem Kinderrad machen? Deren Problem. Wie das mein guter Bekannter Wolfgang machen wird, der mit seiner Parkinsonerkrankung ein schickes Dreirad für Erwachsene fährt? Interessiert den Verkehrsdezernenten nicht. Der kann ja immerhin noch die Unterführung „Im Wiesengarten“ nehmen. Er muss nur aufpassen, denn manchmal kommt ihm halt ein Traktor oder LKW entgegen. Da ist so ein armer Radler dann mal schnell platt.

Was für die mobilen Menschen am Frankfurter Stadtrand am wenigsten verständlich ist: Dieses Drama mit unglücklichem Ende war leicht vermeidbar, hätte der Verkehrsdezernent rechtzeitig die richtigen Entscheidungen getroffen. Seit vielen Jahren weiß man, dass mit dem Ausbau auf vier Gleise der Bahnübergang weg muss. Seit 2014 ist bekannt, dass es für den Radverkehr und für die Fußgänger eine gute, sichere und direkte Querungsmöglichkeit braucht. Und dass dafür eine Brücke gebaut werden soll. Pläne für Brückenlösungen gibt es im Verkehrsdezernat seit 2015. Die hat Stefan Majer (GRÜNE), der Vorgänger des SPD-Verkehrsdezernenten, noch anfertigen lassen. Aber mit der Übernahme des Dezernats durch Klaus Oesterling (SPD) im Jahr 2016 ist da wohl die Handbremse angezogen, die Pläne in die unterste Schublade gelegt und das Projekt in den Tiefschlaf versetzt worden. Heute, im Februar 2021 gibt es immer noch keine Entscheidung der Stadt Frankfurt zum Bau einer Brücke und ein schwieriges Planänderungsverfahren muss vor Baubeginn noch absolviert werden. Das stört die Deutsche Bahn nicht weiter. Der Bahnübergang wird trotzdem Ende 2021 geschlossen. Deren Job ist dafür zu sorgen, dass die Güter- und Personenzüge rollen. Mehr nicht.

Dieser Bahnübergang in Berkersheim wird Ende 2021 für immer geschlossen. Wie dann Fahrräder über die Schienen kommen? Ganz klar, über die Fußgängerbrücke und schieben. Selbst schuld, wenn sie unbedingt umweltfreundlich unterwegs sein wollen.

Wenn der gemütliche Verkehrsdezernent sich dazu äußert – was er im Übrigen äußerst selten tut – wiegelt er ab. Alles kein Problem. Da wird ja ein „Behelfssteg“ gebaut. Damit die Menschen auf den Bahnsteig zur S6 kommen. Dieser Steg wird sogar mit drei(!) Aufzügen ausgestattet, damit auch die Kinderwagenschubser und Rollatorfans eine Chance haben, in die S6 einzusteigen, oder auch nur, um auf die andere Seite der Gleise zu kommen. Die Radfahrer kriegen eine luxuriöse Schiene auf die Treppen montiert. Da können sie ihr Fahrrad hochschieben, wenn sie schon unbedingt für die Tour de France trainieren wollen oder ein bisschen Niddaradweg fahren. Und wenn den Radlern das zu mühsam ist, können sie immer noch notfalls auch durch die Unterführung „Im Wiesengarten“ fahren. Dorthin werden pauschal alle ewignörgelnden Verkehrsteilnehmer verwiesen, die über den luxuriösen Behelfssteg mit Aufzug nicht den Stadtteil auf der anderen Seite der Schienen erreichen können. Die Traktoren und die LKWs, dazu kommen noch ein paar Reiter mit ihren Pferden. Da passen die Dreirad-Radler, die Lastenräder samt Kinder- und Familienausflügler  und ähnliche Individualisten genau dazu. Die Unterführung „Im Wiesengarten“ wird nach der Schließung des Bahnübergangs noch einmal für etwa 12 Monate geschlossen und dann geht’s nur noch über den „Behelfssteg“? Na und? Das ist doch alles nur, um die S6 zu beschleunigen. Die fährt dann pünktlicher. Da sollten sich die verwöhnten und verweichlichten Harheimer*innen nicht so anstellen und mal ein bisschen Solidarität mit anderen Frankfurtern zeigen, die es nicht so schön haben. Anstelle immer rumzumaulen.


Die alte Holzbrücke wird nach vielen Jahren durch ein längeres Modell ersetzt. Da können dann auch manche Fahrräder drüber geschoben werden. Mehr ist nicht drin. Ist nämlich zu teuer.

Aber da ist neben dem Radverkehr noch eine andere Gruppe von Menschen betroffen. Es geht um diejenigen, die mit dem Bus 25 am Berkersheimer Bahnhof ankommen und in die S6 umsteigen wollen. Bislang hält der Zubringerbus etwa 20 Meter von der Bahnsteigkante entfernt. Wo wird der Bus halten, wenn dort zwei zusätzliche Gleise verlegt werden?

Klare Antwort vom Projektleitungsteam der DB: Da wo er heute hält. Hm, interessant. Auf den neu verlegten Schienen etwa? Fragen wir doch mal sicherheitshalber beim SPD Verkehrsdezernenten Klaus Oesterling nach. Wie immer. Keine Antwort. Dem Verkehrsdezernenten ist Kommunikation mit den Bürgern am Stadtrand Frankfurts wohl zu mühsam.

In einem letzten Versuch hat der Ortsbeirat Harheim am Montagabend auf Vorschlag der Grünen vom Magistrat einstimmig gefordert, dass der Bahnübergang erst dann geschlossen werden soll, wenn für alle Betroffenen eine ausreichend sichere Lösung gefunden und geschaffen ist. Verkehrsdezernent Oesterling gehört auch zum Magistrat. Wahrscheinlich wird er diesen Antrag auf die anderen Anträge aus Harheim zu dieser Baustelle legen.

Immerhin, Rad-Schienen dieser Art werden möglicherweise den Radlern die Möglichkeit geben, ihr Zweirad über die Brücke zu schieben. Großartig.

Und da war noch das: Der Bahnausbau wird ca. 500 Millionen Euro kosten. Nach dem Eisenbahnkreuzungsgesetz muss für jede Querungsmöglichkeit, die beseitigt wird, Ersatz geschaffen werden. Das gilt aber nur für den motorisierten Verkehr. Denn das Eisenbahnkreuzungsgesetz stammt aus dem Jahr 1963. Da kommen Radfahrer überhaupt nicht vor. Und da hat sich bis heute nichts geändert.

Fakten:
Antrag der Grünen im Ortsbeirat Harheim am 22.02.2021

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