16.06.2021: Schwarzer Tag für Harheimer Radfahrer*innen. Die Deutsche Bahn zieht ihr Ding durch.

Bahnausbau

Im Windschatten des Koalitionsdurcheinanders im Römer hat die Deutsche Bahn am Dienstagnachmittag den Ortsbeiräten aus Harheim mitgeteilt, wie sie weiter vorgehen wird. Der Bahnausbau auf vier Gleise wird planmäßig durchgezogen.

Am Jahresende wird der Bahnübergang BÜ99 am Berkersheimer Bahnhof abgebaut. Der Kreuzungsverkehr über die Gleise ist dann bis zum geplanten Bau einer Omegabrücke nur noch über einen Behelfssteg für Fußgänger möglich. Wann die Omegabrücke kommt, weiß niemand. Klar ist nur, dass die Behelfslösung mindestens zwei Jahre bleiben wird. Wahrscheinlicher sind jedoch acht Jahre oder mehr.  

Keiner der Anträge, Verbesserungsvorschläge und Anregungen des Ortsbeirats der letzten fünf Jahre werden vom Projektleiter Wolf-Dieter Tigges (Originalzitat: „Für mich gibt’s kein Rad“) angesprochen oder gar umgesetzt. Den Ortsbeiräten wird im  „Informationsgespräch“ die PowerPointPräsentation vorgelesen, die sie – wie immer – ein paar Stunden nach der Videokonferenz zugemailt bekommen. Damit werden unliebsame Fragen von vornherein unterbunden. Ein Vertreter des Verkehrsdezernates oder gar der Dezernent ist – wie immer – nicht dabei. Die Ortsbeiräte können in der Auseinandersetzung mit der DB auf keine Unterstützung durch das Verkehrsdezernat zählen.

Omegabrücke

Dafür haben wir Grüne uns eingesetzt
Wir GRÜNE in Harheim haben uns dafür eingesetzt, dass beim DB-Ausbau während der Bauzeit (also bis die Omegabrücke fertiggestellt ist) und danach:
– die viel genutzte(!) schnelle Radstrecke zwischen Harheim und der Innenstadt nicht unterbrochen oder eingeschränkt wird. Dass der Radverkehr, sofern er während der Bauzeit über eine Fußgängerbrücke geführt werden muss, über Rampen geführt wird, die einen Begegnungsverkehr von zwei Rädern ermöglichen.
– zum Radverkehr zählen selbstverständlich auch Lastenräder, Liegeräder, Trikes, und Radanhänger.
– Fußgänger mit und ohne Behinderung bzw. mit und ohne Gepäck weiterhin sicher auf einfachem und direktem Wege den Nachbarstadtteil Berkersheim erreichen können. Auch für Menschen mit Kinderwagen, Gepäckwagen oder Rollhilfen sollten Rampen die Überquerung der Gleise und den barrierefreien Zugang zum Bahnsteig ermöglichen
– die ÖPNV Benutzer zum Umsteigen einen möglichst kurzen und schnellen Weg vom 25er Bus zur S6 haben (maximal 100 Meter)
– besonderes Augenmerk auf Menschen mit Handicap gelegt wird.

Keine der Anregungen, Vorschläge und Hinweise sind von der DB umgesetzt worden.

Die Bahn braucht viel Schotter…

Folgende Einschränkungen wird die DB Netz AG nun während der Bauzeit und darüber hinaus verursachen:

Fußgänger
Fußgängerverkehr zwischen den Nachbarstadtteilen können nicht mehr an der Bahnschranke warten und ebenerdig die Schienen überqueren. Menschen zu Fuß müssen dann über den Fußgängersteg Treppe rauf und Treppe wieder runter, alternativ Mini-Aufzüge. Menschen mit Gepäck, mit Kinderwagen, mit Gehhilfen steht dafür ein 1,40 x 2,00 großer Aufzug auf jeder Seite und einer zum Bahnsteig zur Verfügung. Rampen gibt es nicht. Einen alternativen Weg gibt es nicht.

Auch Fahrräder mit Anhänger können die Nidda wieder überqueren.

Radverkehr:
Die DB unterbricht die schnelle Radverbindung nach Berkersheim bis in die Innenstadt
Am Berkersheimer Bahnhof müssen die Räder nun entweder auf einer einspurigen Schiebeschiene auf der einen Seite die Treppen hoch und auf der anderen Seite die Treppen runtergeschoben werden. Was einfach klingt, wird aber an dieser vielbefahreren Stelle für Staus sorgen, weil Begegnungsverkehr nicht möglich ist. Alternativ können Fahrräder in den 1,40 x 2,00 Meter kleinen Aufzug verfrachtet werden. Einmal hoch, auf der anderen Seite wieder runter. Solange nur ein oder zwei Radfahrer*innen warten, wird das funktionieren. Was aber wenn von beiden Seiten je zwei Familien mit Fahrrädern diese Gleise passieren wollen? Und das ist so selten nicht.

Zwar helfen Schiebeschienen und Aufzüge bedingt weiter, jedoch nur für das Standardfahrrad. Lastenräder, Trikes, Räder mit Anhänger können am Berkersheimer Bahnhof die Schienen nicht mehr überqueren. Eine alternative sichere und befahrbare Wegeverbindung steht in erreichbarer Nähe nicht zur Verfügung.

Lastenräder, Dreiräder für erwachsene Menschen mit Handycap und andere exotische Fortbewegungsmittel müssen nach Absicht der Bahn einen erheblichen Umweg über den Frankfurter Berg oder über Bad Vilbel machen, solange die Unterführung Am Wiesengarten baustellenbedingt geschlossen ist. Sobald diese Unterführung wieder geöffnet ist, verweist der DB Projektleiter Tigges die Lastenräder, Anhänger und Rehabilitationsmobile auf diese Querungsmöglichkeit, die jedoch auch von LKW, Pferden, und Traktoren befahren werden wird. Die Zufahrt zu dieser Unterführung ist zudem äußerst steil. Ein sicherer Radverkehr ist dort nicht möglich.

Kleinbus über die Nidda

ÖPNV
Noch ist die Bushaltestelle etwa 10 Meter von den Bahngleisen Richtung Frankfurt entfernt. S-Bahn-Nutzer*innen aus Frankfurt müssen die zwei Gleise auf der provisorischen Holzbrücke überqueren, bevor sie in den Bus einsteigen können. Menschen mit Rollstuhl oder Kinderwagen müssen diese Gleise am Bahnübergang queren. Aktuell hat der Busfahrer noch Sichtkontakt mit der S-Bahn und er kann abschätzen, ob noch jemand mitfahren will.

Noch am 23. April hatte Projektleiter in einem Interview mit der FNP bestätigt, dass die Bushaltestelle an der gleichen Stelle bleiben kann. Im Juni ist diese Information von Herrn Tigges nicht mehr gültig. Die DB verlegt diese Bushaltestelle nördlich neben das Haus Berkersheimer Bahnstraße 41. Damit müssen die Fahrgäste zunächst vom Bus bei Wind und Wetter und hoffentlich frei von Eis und Schnee bis zum Fußgängerbehelfssteg laufen (ca. 100 Meter) und dann über Treppen oder Aufzüge auf den Bahnsteig gelangen. Menschen, die nicht mehr gut zu Fuß sind, sollten das rechtzeitig berücksichtigen und vielleicht einen Bus früher fahren.

Der wartende Busfahrer an der Haltestelle wird am Abend nicht mehr erkennen können, wann genau die S6 aus Frankfurt am Bahnsteig hält und die Fahrgäste aussteigen. Die Abstimmung mit dem Bahntakt entfällt, S-Bahn-Reisende werden häufiger den Bus nicht mehr planmäßig erreichen.

Eltern mit Kinderwagen und Fahrgäste mit Behinderung (z.b. Rollstuhl) sind darauf angewiesen, dass die Aufzüge funktionieren. Fällt ein Aufzug aus, können Fahrgäste möglicherweise ohne fremde Hilfe den Bahnsteig nur noch ohne Kinderwagen verlassen.

Fazit
Wir Grüne in Harheim müssen einsehen, dass wir die Auseinandersetzung mit der DB verloren haben. Die DB zieht eben ihre Planung durch und es ist einfach nicht ihr Business, sich um Menschen oder Radverkehr zu kümmern. Das fällt ins Aufgabengebiet des Verkehrsdezernenten. Aber nach dem Weggang von Ex-Verkehrsdezernent Stefan Majer (Grüne) ist es nicht gelungen, die Unterstützung von dessen Nachfolger Klaus Österling (SPD) zu bekommen. Österling hatte nicht nur die von Stefan Majer beauftragten Alternativpläne fast drei Jahre unter Verschluss gehalten, hat sich nicht nur der Information und dem Dialog mit den Ortsbeiräten und Bürger*innen konsequent verweigert, sondern hat die frühzeitige vorausschauende Planung einer Ersatzlösung rechtzeitig vor der Sperrung des BÜ99 konsequent verhindert. Nun ist zu viel Zeit verschwendet worden, um für den Fußgänger-, Rad- und Bus/Bahnverkehr bessere Lösungen zu schaffen. Mit den aufgezählten Einschränkungen werden Harheimer*innen lange Zeit leben müssen.

Wir Grüne in Harheim sind der Ansicht, das Eisenbahnkreuzungsgesetz schreibt für den Abbau von Bahnübergängen Ersatz vor, und zwar für alle Verkehrsarten. Entsprechend muss der Planfeststellungsbeschluss für den Ausbau der Bahnlinie interpretiert und umgesetzt werden. Daher muss bei Projekten in der Fahrradstadt Frankfurt sowohl bei der Baustelleneinrichtung wie auch in der Planung berücksichtigt werden, dass Radverkehr und gerade Lastenräder auch einen Anspruch auf Ersatzwege haben, wie alle Verkehrsarten. Aber wer will das einklagen? Noch steht Radfahren bei der DB noch nicht unter Artenschutz und muss deswegen nicht berücksichtigt werden. Dazu passt das schöne Zitat von Projektleiter Wolf-Dieter Tigges: „Für mich gibt’s kein Rad“.

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