02.11.2021 Himmelfahrtskommando: Harheims goldener Stolperstein

Bitte stolpern !

Manchen zu Fuß gehenden Harheimer*innen ist er schon aufgefallen: der golden schimmernde Stolperstein mitten auf dem Bürgersteig in der Korffstraße vor Hausnummer 9. Der erinnert an den in Harheim geborenen Karl Kullmann. Aber wer war Karl Kullmann?

Karl Kullmann wurde am 31.10.1907 in Harheim geboren. Harheim hatte damals etwas um 1.100 Einwohner und gehörte zum Kreis Friedberg. Die Eltern waren Franz Jakob Lorenz Kullmann (1865-1930) und Katharina Agnes geb. Seib (1875-1928). Karl wuchs mit sechs Geschwistern auf, von denen aber bereits zwei im Kleinkindalter verstarben. Durch den frühen Tod der Eltern übernahm der Cousin Metzgermeister Johann Jackel die Vormundschaft der jüngeren Brüder Johann Philipp, geboren 1914 und Heinrich geboren 1916, die beide im 2. Weltkrieg fielen.

Nach der Volksschule machte Karl Kullmann eine dreijährige Lehre bei der Firma Friedrich Sondermann & Co in Frankfurt. Zu seiner älteren Schwester Katharina hatte Karl ein besonderes Verhältnis, er wohnte bei ihr in Frankfurt-Bockenheim.

1927 trat Karl Kullmann dem Sozialdemokratischen Gewerkschaftsbund bei. 1930 wurde er arbeitslos und war von 1930 bis 1932 auf Wanderschaft. In der Zeit wurde er zwei Mal in Bad Vilbel und in Kassel wegen Widerstand und Beleidigung gerichtlich verurteilt. 1932 kehrte er nach Frankfurt zurück, arbeitete bei der Firma Jean Bratengeier, wurde aber 1934 erneut arbeitslos. In der Zeit wohnte er bei seiner älteren Schwester Katharina, zu der er ein besonderes Verhältnis hatte.
Er schloss sich der KPD und der Roten Hilfe an, die in Frankfurt-Bockenheim große Anhängerzahlen hatten.

Ins Blickfeld der Gestapo geriet er, als er sich bei der Verteilung illegaler Flugblätter beteiligte. Karl Kullmann suchte Lagermöglichkeiten für die Schriften und Flugblätter, und er lernte einen Angestellten der Firma Adler kennen, der für die Konstruktion von Flugzeugmotoren zuständig war. Kullmann hoffte über diesen Konstrukteur an Zeichnungen und Pläne der Motoren zu kommen. Der Konstrukteur jedoch meldete Karl Kullmann der Gestapo, die ihn am 26. Juni 1934 verhaftete und ihn im Polizeigefängnis Klapperfeldgasse inhaftierte. Seine Schwester Katharina wurde ebenfalls von der Gestapo verhaftet und verhört.

Harheims Stolperstein vor der Korffstraße 9

Am 15.12.1934 wurde Karl Kullmann vom Oberlandesgericht Kassel wegen Landesverrats und Hochverrat zu zehn Jahren Zuchthaus und zehn Jahren Ehrverlust verurteilt. Mitangeklagt waren weitere etwa 20 Mitglieder der KPD, der Roten Hilfe und der Revolutionären Gewerkschaftsopposition

Karl Kullmann meldete sich 1941 freiwillig zu einem Kampfmittelräumdienst. Beim Versuch, eine Fliegerbombe zu entschärfen, kam er am 17.10.1941 in Landwehrhagen, etwa 10km nördlich von Kassel, bei der Sprengung zusammen mit anderen Strafgefangenen ums Leben.

Im Kondolenzbrief an die Verwandten wurde er als tapferer Soldat bezeichnet und in einem ehrenvollen Begräbnis in Kassel bestattet

Sein Bruder Jakob, der Großvater von Heike Quirin, übernahm als Überlebender das Grundstück in der Korffstraße in Harheim, vor dem nun der Stolperstein eingesetzt wurde.

Stolpersteine sind ein Projekt des Künstlers Gunter Demnig, der 1992 begonnen hat, mit diesen kleinen Gedenktafeln im Boden an das Schicksal der Menschen zu erinnern, die in der Zeit des Nationalsozialismus verfolgt, ermordet, deportiert, vertrieben oder in den Suizid getrieben wurden. Mittlerweile wurden weltweit über 75.000 Stolpersteine verlegt. Alleine in Frankfurt gibt es rund 1.700 Stolpersteine. Für Harheim ist die Verlegung zur Erinnerung an Karl Kullmann der erste Stein. Aus echtem Gold sind die Steine natürlich nicht. Sie sind aus Messing.  (hs+ms)


mehr zu Karl Kullmann:
Margot Schäfer, Dieter Zakowski
„Himmelfahrtskommando“, 48 Seiten
ISBN-13: 9783754117002, € 7,50
das Buch kann auch von Margot Schäfer direkt bezogen werden.

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