15.03.2022 Totalausfall! Der Sommerfahrplan der S6 bringt Pendler ins Grübeln

Kein Anschluss unter dieser Nummer: die S6 wird zwei Monate gesperrt.

Der Ausbau der S-Bahn-Linie zwischen Bad Vilbel und Frankfurt verlangt besonders von Pendlerinnen und Pendlern am Rande der Stadt und am Rande des Nervenzusammenbruchs sportliche, aber auch intellektuelle Höchstleistungen ab. Durch die „Weiter-Weg-Verlegung“ der Bus-25-Haltestelle vom S-Bahnsteig entfällt auf jede(n) Pendler*in zusätzliche 138 Kilometer Fußweg jährlich. Aber wer gedacht hatte, es könnte nicht mehr schlimmer kommen, irrt sich vielleicht. Denn vom 9. Juli bis zum 5. September ist die S-Bahn-Verbindung zwischen Frankfurt (West) und Bad Vilbel wegen Baustelle vollständig gesperrt. Da werden dann auch die 350 Meter Fußweg zwischen Bus und Bahn keine Rolle mehr spielen, dann jetzt geht es um mehr. Nämlich um die Frage, ob die auf Bus und Bahn vertrauenden Pendler*innen überhaupt ihr Ziel noch in einer zumutbaren Reisezeit erreichen, wenn der Rhein-Main-Verkehrsverbund für die Bürgerinnen und Bürger der nördlichen Stadtteile den Service bis auf einen gnädigen Schienenersatzverkehr einstellt und eine Bahnsprecherin laut Frankfurter Rundschau gleichzeitig beruhigend versichert, dass sich die Menschen keine Sorgen machen müssen, auch wenn es bislang kein genaues Betriebskonzept gäbe.

Vielleicht machen sich die betroffenen Menschen aber gerade deshalb Sorgen, weil sie schon in den vergangenen Jahren ausreichend Erfahrung mit dem Konzept des „Schienenersatzverkehrs“ machen konnten. Denn der beschränkt sich wie im Vorjahr auf die Verlängerung der Buslinie 28 nach Nieder-Erlenbach bei gleichzeitiger Einstellung des Betriebs der Buslinie 25. Schauen wir doch mal an ein paar realistischen Beispielen, wie wunderbar das in der Praxis funktioniert.

Beispiel A. Ffm, Am Römerbrunnen bis Ffm Westbahnhof, Abfahrt 8:00

jetzt: Fahrtzeit 18 Minuten
8:00 Bus25 zum Berkersheimer Bahnhof, Ankunft 8:04
8:09 S6 zum Westbahnhof, Ankunft 8:18

dann: Fahrtzeit 49 Minuten
8:01 Bus28 nach Ffm-Kalbach, Ankunft 8:13
8:17 U2 und zur Hauptwache, Ankunft 8:36
8:40 S3 bis Frankfurt West, Ankunft 8:49
Fahrzeit: 49 Minuten

(Fahrrad 38 Minuten)

Beispiel B: Ffm, Am Römerbrunnen bis Ziehenschule (Weißer Stein)

jetzt: Fahrtzeit 17 Minuten
8:00 Bus25 bis Berkersheimer Bahnhof, Ankunft 8:04
8:09 S6 bis Eschersheim, Bahnhof, Ankunft 8:14
8:14 Fußweg bis Ffm, Weißer Stein, Ankunft 8:17

dann: Fahrtzeit 25 Minuten
8:01 Bus28 nach Ffm-Kalbach, Ankunft 8:13
8:17 U2 bis Weißer Stein, Ankunft 8:25

(Fahrrad: 19 Minuten)

Beispiel C: Ffm, Am Römerbrunnen bis Groß-Karben, Bahnhof
jetzt: 18 Minuten
8:00 Bus25 bis Berkersheimer Bahnhof, Ankunft 8:04
8:08 S6 bis Groß-Karben, Bahnhof, Ankunft 8:18

dann: 48 Minuten
08:00 Bus25 bis Nieder-Erlenbach, Hohe Brück, Ankunft 8:05
08:17 Bus65 Hohe Brück bis Bad Vilbel, Bahnhof, Ankunft 8:29
08:43 S6 bis Groß Karben, Ankunft 8:48

(Fahrrad: 30 Minuten)

Beispiel D: Ffm, Am Römerbrunnen bis Ffm Unfallklinik

jetzt: 33 Minuten (Bus25-S6-Bus30-Fußweg)

dann: 60 Minuten (Bus28-U2-Bus M34-Bus M30)
8:01 Bus28 nach Ffm-Kalbach, Ankunft 8:13
8:17 U2 bis Dornbusch, Ankunft 8:40
8:45 Bus M34 Dornbusch – Friedberger Warte, Ankunft: 8:55
8:57 Bus 30 Friedberger Warte bis Unfallklinik, Ankunft: 9:00

oder alternativ: 49 Minuten (das Ticket ist jedoch 23% teurer)
08:00 Bus25 bis Nieder-Erlenbach, Hohe Brück, Ankunft 8:05
08:17 Bus65 Hohe Brück bis Bad Vilbel, Bahnhof, Ankunft 8:29
08:29 Bus 30 Bad Vilbel bis Unfallklinik, Ankunft: 8:49 (Fahrrad: 22 Minuten)

Bus 25 wird auch nicht mehr fahren. Wozu denn…

Fazit: Sofern RMV und Verkehrsdezernat den öffentlichen Nahverkehr nur als Freizeitspaß versteht für die Fahrt ins Grüne kann man mit so einem Notstandsfahrplan leben. Für die tägliche Fahrt zur Arbeit oder Ausbildung aber ganz gewiss nicht.

In diesem Sommer werden also selbst professionelle Hardcore-Fans des Öffentlichen Nahverkehrs ins Grübeln kommen, ob sich eine Jahreskarte für den RMV denn wirklich lohnt. Schließlich ist Fahrradfahren deutlich billiger und in fast allen Fällen schneller. (Aber auch da bemüht sich das Verkehrsdezernat und die Deutsche Bahn, den Radverkehr am Berkersheimer Bahnhof noch ein bisschen einzubremsen)

Um den Begriff „Schienenersatzverkehr“ mit Sinn zu füllen und den Harheimer*innen den baubedingten Leistungsausfall irgendwie zu kompensieren, hatten die Harheimer Ortsbeiräte auf Initiative der Grünen und SPD gemeinsam gefordert:

– Der Bus 25 soll zwischen Harheim und Bad Vilbel Bahnhof pendeln
– Die Taktung von Bus28 wird in dieser Zeit auf 15 Minuten geändert
– Das Versorgungsgebiet für On-Demand-Bus Knut wird bis Bad Vilbel Bahnhof erweitert

Die Hoffnung allerdings, dass eine neue Römerkoalition deutlich mehr Verständnis für bürgernahe und umweltfreundliche Mobilität besonders am infrastrukturell schlechter gestellten Stadtrand zeigt, ist allerdings in den vergangenen drei Jahren weitgehend unter die Räder gekommen.

Fakten:
Antrag des Harheimer Ortsbeirats OM 1766

So funktionierts mit der Mobilität noch am schnellsten und am billigsten.



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