06.04.2022: DB Projekt Bahnausbau: Der schmutzige Weg zwischen Plan und Ziel.

Bahnübergang BÜ99 ist jetzt in Rente

Vor drei Wochen wurde der Bahnübergang am Berkersheimer Bahnhof für immer geschlossen und ruht in Frieden. Als Ersatz hatte die DB Netz AG einen barrierefreien provisorischen Rad- und Fußgängersteg mit Aufzügen versprochen und errichtet. Der Bahnübergang 99 würde endgültig erst geschlossen, wenn der Fußgängersteg zur Benutzung freigegeben ist, sicherte die Projektleitung zu. Nun sind seit dem großen Schnitt drei Wochen vergangen. Hat das wirklich funktioniert? Oder gibt es noch ein paar Mängel, die auf Nachbesserung warten? Wir wagen einen Praxistest zur Zwischenbilanz.

Wartehäuschen an der Bushaltestelle – ist noch im Bau

Für ganz normale S-Bahn-Reisende: Der Fußweg zwischen Bus und Bahn ist spürbar länger, weil die Bushaltestelle verlegt wurde. Das führt augenblicklich insbesondere für Fahrgäste, die abends aus Frankfurt kommen, häufig dazu, dass der Bus 25 gerade abfährt, wenn die S6 ankommt und Fahrgäste dann bis zu 30 Minuten warten müssen. (Die Grünen Harheims hatten frühzeitig auf dieses entstehende Problem hingewiesen). Bewertung: Problem hätte anders gelöst werden können. Note 5, mangelhaft. Aber nicht nur für die DB allein, sondern auch für Verkehrsdezernat, VGF und Traffiq, die den aus ihrer Sicht „geringfügig längeren Weg“ nicht genau genug nachgemessen haben.

So sehen in der Metropole Frankfurt Umsteigewege zwischen dem Bus 25 und der S-Bahn aus. Vergessen Sie die Gummistiefel nicht!

Für alle: der Weg von Bushaltestelle bis zum Bahnsteig führt zurzeit über verschmutzte Bauwege. Bei feuchter Witterung kann auf grobstollige Gummistiefel nicht verzichtet werden, denn die Schmiere versaut unweigerlich Schuhe und Kleidung. Augenblicklich wird ein ordentlicher und geteerter Zuweg zum Bahnsteig hergestellt, vermutlich nach Ostern das Erreichen der Bahn oder die Querung der Gleise ohne nachfolgende chemische Reinigung ermöglicht. Danke, DB Netz AG, aber warum eigentlich erst jetzt? Das hätte schon zum 18. März bereit sein müssen.
Bewertung: Problem wäre bei umsichtiger Projektplanung vermeidbar gewesen. Note 5, mangelhaft.

Für Fahrradfahrer, die nur auf die andere Seite wollen: Dafür hat die DB in den Fuß- und Radsteg Aufzüge und schmale Rampen zum Schieben auf den Treppen versprochen. Die Aufzüge funktionieren schnell und gut. Zwei Räder können samt Piloten gleichzeitig fahren. Dafür gibs einen Pluspunkt. Damit hören die guten Nachrichten leider auf.

Fahrrad darf Aufzug fahren

Hinweisschilder zum Aufzug sind sehr dezent angebracht, die soll wahrscheinlich nicht jeder sehen. Die versprochenen Schieberampen fehlen immer noch. Ein massives Problem besteht jedoch darin, dass der rechte (nördliche) Aufzug und Turm noch nicht eingerichtet ist. Somit wird der Fahrradverkehr, der nur über die Gleise will, zwangsläufig über den Bahnsteig geführt, auf dem S-Bahn-Reisende auf die nächste S-Bahn warten. Diese wartenden Fahrgäste wiederum rechnen nicht mit Radverkehr auf dem Bahnsteig, der ohnehin baustellenbedingt an einigen Stellen abenteuerlich schmal ist.

Alle diese Probleme wären bei umsichtiger Projektplanung vermeidbar gewesen. Hätte die DB auch den dritten Turm mit Aufzug rechtzeitig zum 18. März fertiggestellt, könnte der Radverkehr die Gleise überqueren, ohne zusätzlich den Bahnsteig zu belasten.  

Der normale Radverkehr möchte vielleicht gar nicht über einen Bahnsteig umgeleitet werden…

Wir bezweifeln, dass die Umleitung von Radverkehr über Bahnsteige zulässig ist. Aber die DB-Projektleitung hat sich natürlich abgesichert: Auf dem Bahnsteig sind Schilder angebracht, auf denen Radfahrer gebeten werden, abzusteigen. Zusätzlich hat die DB zwei Umleitungsstrecken ausgeschildert: Strecke 1 führt von Harheim über Bonames, Frankfurter Berg bis nach Berkersheim und ist anstelle von 1 km nun etwa 8 km lang. Die andere Umleitungsstrecke führt auf Berkersheimer Seite nach Bad Vilbel und dort auf dem Niddaradweg zurück bis Harheim. Soweit zum Plan.  Leider hat die Projektleitung der DB Netz AG aber übersehen, dass sie den Niddaradweg gleichzeitig gesperrt hat. Spätestens in Bad Vilbel werden sich die Radfahrer*innen doch mal fragen, wer auf diese irre Idee mit den Umleitungen eigentlich gekommen ist.

Unsere Bewertung in der Kategorie „normaler Radverkehr“: da gäbe es eine glatte 2 für die Sache mit den Aufzügen.   

Radverkehr baustellenbedingt aber über belebte Bahnsteige umleiten – wenn das nicht illegal ist, ist es mindestens unredlich und ein Sicherheitsrisiko. Abwertung, Note 5: mangelhaft

Eine Rad-Umleitungsstrecke zu planen, die 6 x so lang ist, wie die eigentliche Fahrdistanz?  Welcher Projektplaner macht so etwas und aus welchem Grund? Nochmal Abwertung. Jetzt Note 6, ungenügend.

Wir weisen fairerweise ausdrücklich darauf hin, dass hoffentlich bald mit Entlastung gerechnet werden kann. Die Unterführung am Wiesengarten ist wieder geöffnet worden, auch wenn sie von Harheimer Seite aus nicht mit Sicherheit erreichbar ist. Sobald der dritte Turm und Aufzug benutzbar und der neue Weg von der Bushaltestelle bis zum Turm fertiggestellt ist, ist die Situation anders und hoffentlich besser. Ob der Niddaradweg zwischen BV und Harheim länger gesperrt ist? Wissen wir nicht. Wer das weiß? Wissen wir auch nicht. Wie war das noch? Hatte der Projektleiter der DB Netz AG nicht versprochen, der Bahnübergang wird erst endgültig geschlossen, wenn der Behelfssteg fertiggestellt ist?  

bike & Ride Reisende: Dass Menschen, wenn´s geht, gerne mit dem Fahrrad zur S-Bahn fahren ist schon deshalb verständlich, weil sie bei der Rückfahrt nicht bis zu einer halben Stunde bei Wind und Wetter auf den abgefahrenen Bus 25 warten müssen. Aber wo befestigt man sein teures treues Bike? Sichere Bikebügel haben die Harheimer Grünen schon vor 7 Monaten beantragt. Im Vorfeld hatte der Projektleiter der DB angekündigt, dass an der Bushaltestelle diebstahlsichere Bike-Bügel angebracht werden, was aber nicht eingetreten ist. Unser Fazit: die Deutsche Bahn demonstriert deutlich ihre Einstellung gegenüber bike & ride und die Fahrradstadt Frankfurt setzt erneut ein klares Statement drauf, wie wichtig für sie der Radverkehr am Stadtrand ist. Wir Grüne sind langsam etwas angefressen und genervt von der DB einerseits, in deren Vorstellung einer modernen, emissionsarmen Mobilität Radverkehr keine Rolle spielt. Aber auch, andererseits, von der radfahrfreundlichen Stadt Frankfurt, die sich im günen Lichte roter Radwege sonnt. Sofern sie in der Innenstadt liegen. Radfahren am Stadtrand? Kein Thema.   

ohne Worte

Menschen mit Behinderung, Familien mit Kinderwagen: Hallo und willkommen in Harheim. Mit der S-Bahn kommen Sie bis zum Berkersheimer Bahnhof und mit dem Aufzug auch auf die Harheim zugeneigte Seite. Dort beachten Sie bitte: der Weg auf den Bahnsteig und zum Bus ist dort ca. 90 cm schmal und offiziell nicht für Rollstühle geeignet. Nehmen Sie also bitte Ihre hippeligen Kinder fest an die Hand, damit die nicht versehentlich ins Gleisbett fallen. Sollten Sie zu den Rollstuhlfahrern gehören und die schmale Durchfahrtbreite macht ihnen Panik – kehren Sie um. Aufzug hoch, andere Seite: Aufzug runter, warten Sie auf die nächste S6, fahren Sie bis Bad Vilbel, steigen Sie dort in die S6 Richtung Frankfurt, dann kommen Sie wieder am Berkersheimer Bahnhof an und sogar auf der richtigen Seite des Bahnsteigs. Jetzt nur noch ein paar Meter durch den Maschweg und sie haben den Bus 25 erreicht. So einfach ist Reisen mit Bahn und Bus: Unser Fazit: Projektplanung vom Feinsten, wenn wir die Problemgruppen Familien mit Kindern, Menschen mit Handycap oder Rollstuhl rauslassen dann funktioniert alles prima. Note 2, gut gemacht.

Ach ja, wir hatten vergessen zu erwähnen: die Projektleitung der DB Netz AG hatte mehrfach darauf hingewiesen, dass die gesamte Anlage in Abstimmung mit dem Behindertenbeauftragten der Stadt Frankfurt abgestimmt wäre. Wenden Sie sich bei Beschwerden also an den.

Und das sind dann noch …
Hortkinder aus Harheim, die in der Berkersheimer Grundschule betreut werden. Diewerden nun mit dem Bus von Harheim bis zur Bushaltestelle 25 gefahren und müssen dann im Gänsemarsch die letzten 800 Meter zu Fuß marschieren – und zwar bei Schmuddelwetter durch den Schlamm einer DB-Großbaustelle, über einen viel zu engen Bahnsteig, an dem vielleicht noch ein Personenzug mit 80 Sachen vorbeirast. Ist eben Abenteuer live und draußen. Sowas kriegt man nicht in jedem Frankfurter Hort geboten.

Fazit: Gruppen von Hortkindern, die von H nach B wollen, über einen belebten Bahnsteig leiten? Auf die Idee muss man erst mal kommen. Eigentlich ist die Idee gut, Note 2. Weil jedoch der Bahnsteig augenblicklich keine ausreichende Mindestbreite hat, werten wir ab. Note 6. Zu gefährlich.

Breit genug?

Exkurs: Die Mindestbreiten…
Wir beziehen uns auf die DIN 18040-3:2014-12 „Barrierefreies Bauen – Planungsgrundlagen: Öffentlicher Verkehrs- und Freiraum“. Dort wird für Bewegungsflächen entlang von Bahnsteigkanten eine Mindestbreite von 1,80 m zusätzlich eines Sicherheitsraums zu den Gleisanlagen von mindestens 50 cm vorgegeben. Die Verordnung über den Bau und Betrieb der Straßenbahnen (BOStrab) sieht eine nutzbare Mindestbreite der Bahnsteige von 2,00 m vor. Die DB-Richtlinien aus der Modulfamilie 813 „Personenbahnhofe planen“ verlangen bei Zuggeschwindigkeiten bis 160 km/h für Außenbahnsteige und einseitig nutzbare Mittelbahnsteige eine Mindestbreite von 2,50 m vor.

Ob diese Angaben zu Mindestbreiten auch beim Umbau am Berkersheimer Bahnhof gelten? Wir sind uns nicht sicher, welche Vorgaben für die DB Netz AG überhaupt gelten. Welchen Sinn haben Mindestbreiten … – nein, das führt zu weit.

Fazit:
Natürlich geschehen auf jeder Baustelle unvorhergesehene Dinge. Da läuft nicht immer alles nach Plan und dann muss improvisiert werden. Das gestehen wir auch der DB Netz AG zu.

Was wir bemängeln ist die Vielzahl an vorher absehbaren Problemen, die durch umsichtige Planung vermeidbar gewesen wären. Denn das Datum der Schließung des Bahnübergangs war nicht nur laaaaaaaange bekannt, sondern von der DB Netz AG selbst festgelegt. Und zudem zugesagt, dass … – aber, ok, Versprecher eben.





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Eine Antwort zu 06.04.2022: DB Projekt Bahnausbau: Der schmutzige Weg zwischen Plan und Ziel.

  1. T. D. schreibt:

    Auf Anfrage bei der Kita Frankfurt wurde folgendes mitgeteilt : Jede Kindergruppe wird dabei durch unsere Fachkräfte begleitet.

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