26.10.2022 Harheim und die „Fahrradkarte Frankfurt am Main“ – nützliche Hilfe oder Etikettenschwindel?

Die Fahrradkarte Frankfurt am Main

Da ist sie endlich, die aktuelle „Fahrradkarte Frankfurt am Main“ in gedruckter Form. Die praktische Fahrrad-Stadtplan-Faltkarte im Maßstab 1:25.000 enthält 1.614 Kilometer Radnetz, davon 836 Kilometer ausgeschildertes Radnetz auf Frankfurter Stadtgebiet. Ein Großteil der Frankfurter Straßen sind mit Straßennamen angegeben. Piktogramme zeigen, wo überdachte Fahrradabstellanlagen, Reparaturstationen und ÖPNV-Stationen zu finden sind. Jetzt kann man auch ohne Navi übersichtlich erkennen, auf welchen Routen man im Raum Frankfurt von A nach B sicher und komfortabel mit dem Drahtesel fahren kann. Wer die Karte lieber auf dem Tablet oder Smartphone sehen mag, bitteschön: www.radfahren-ffm.de. Und – bitte beachten – in ganz Frankfurt stehen grün-weisse Wegweiser, die vor Ort auf das Fahrradnetz hinweisen.

Aber was ist ein „Radnetz“ eigentlich überhaupt?
Eine Antwort gibt – wie immer – Wikipedia. Da steht: Mit einem … Radverkehrsnetz… werden Startpunkte (Quellen) und Zielpunkte zu einem Verkehrsnetz für den Radverkehr verbunden. Für eine lückenlose und möglichst umwegfreie Befahrbarkeit werden daher alle für das Fahrradfahren geeigneten Wege und Straßen mit in die Planung einbezogen…“

Die Internetseite www.radfahren-ffm.de der Stadt Frankfurt beschreibt das leicht anders: „Die insgesamt 836 Kilometer Radverbindungen der Fahrradkarte entsprechen den Strecken, die in den vergangenen Jahren Stadtteil für Stadtteil mit den grün-weißen Wegweisern ausgeschildert worden sind“. Warum ein Stück Radnetz nun die grün-weißen Wegweiser verdient? Oder die Markierung im Fahrradstadtplan? Schade, das bleibt im Dunkeln. Aber vielleicht hilft uns die radfahren-ffm-Internetseite doch weiter, denn da steht noch:

Das [auf dem Plan] in blauer Linienführung dargestellte Radnetz setzt sich zu einem großen Teil aus Radwegen, Radfahrstreifen und Fahrrad-Schutzstreifen zusammen. Zum Radnetz zählen aber auch Fahrradstraßen, Nebenstraßen und Wirtschaftswege, auf denen es für den Radverkehr keine separate Führungsform gibt“. 

Überraschung. Nach der Frankfurter Definition muss ein Radnetzweg gar nicht fürs Fahrradfahren geeignet sein?

Dass eine Fahrradkarte besonders gut geeignete Wege wie Radwege, Radfahrstreifen und Fahrrad-Schutzstreifen enthält, das darf nun niemand überraschen. Auch Nebenstraßen oder Fahrradstraßen passen in die Radnetzkarte, sofern fürs Radfahren geeignet. Bei Wirtschaftswegen sieht die Sache aber vielleicht anders aus. Wirtschaftswege sind primär für die Land- oder Forstwirtschaft wichtig. Logisch – da können auch Fahrräder fahren. Aber ist das wirklich sicher, wenn auf schmierigen Wegen der Traktor mit Anhänger entgegen kommt?

Radwegenetz Frankfurt am Main



Harheimer Praxistest

Wir schauen erst mal auf die Faltkarte: Alle eingezeichneten Strecken sind blau. Gut. Treffer. Alles Radnetzwege. Wow, da hat Frankfurt doch viel für den Radverkehr getan. Wir schauen nach: Harheim.



Das hat uns gefallen:

Fahrradweg zwischen Harheim und Nieder-Erlenbach: ist natürlich drin.

Maßbornstraße: zu Recht als Radnetzweg eingetragen. Ist gut befahrbar.

Harheimer Stadtweg bis zum Niddaradweg und bis zum Berkersheimer Bahnhof ist ebenso Teil des Radwegenetzes. Auch wenn Radler*innen auf dem Weg nach Berkersheim wegen dem Bahnausbau gerade schwere Zeiten durchmachen.

Spitzenstraße von Korffstraße bis zum Harheimer Kreisel und weiter nach Bonames: auch dieser Weg führt den Radverkehr sicher und direkt weg von problematischen Stellen. Und ab dem Harheimer Kreisel bis Ortsschild Bonames auf einem vom Kfz-Verkehr getrennten Weg.

Das gefällt uns nicht:

Alt-Harheim und Korffstraße: Hier quält sich durch die engen Straßen im Ort nicht nur der Autoverkehr, sondern auch noch der Bus in beiden Richtungen. Zusätzlich ist die Kurve Alt-Harheim / Korffstraße ist vergleichsweise schlecht einsehbar, und schon gar nicht für den Radverkehr. Auf solchen Wegen mag kein*e sicherheitsbewusste*r Radfahrer*in fahren müssen. Zumal es eine bessere Alternative gibt.

Kaum Platz für Busse und Autos: Die Korffstraße


Die weniger gefährliche und vernünftigere Alternative wäre, den Radverkehr über „Zur Untermühle – Zum Entenpfad – Spitzenstraße“ zu leiten. Das ist teilweise Teil des Radnetzes. Jedoch nur auf der Fahrradkarte und nicht in Realität auf den Wegweisern. Die grün-weißen Schilder leiten den Radverkehr von der Maßbornstraße durch „In den Schafgärten“ am Bürgerhaus vorbei, und ab da müssen die Bike-Fans selbst sehen, wie sie weiterkommen, denn es gibt keine weiteren Wegweiser. Haben da die möglicherweise ortsunkundigen Radexperten im Verkehrsdezernat die Wegweiser falsch aufgehängt?

Niedereschbacher Stadtweg: Zwischen Harheim (Friedhof) und Nieder-Eschbach: Das ist ein kombinierter Wirtschaftsweg mit Anliegerverkehr. Da fahren legal nicht nur Traktoren, sondern auch noch jeder, der glaubhaft machen kann, dass er – etwa in den Kleingärten am Eschbach – Anlieger ist. Die Schlaglöcher im Straßenbelag sind schon etliche Male ausgebessert worden, aber ohne bleibenden Erfolg. Die Verpfützungsneigung insbesondere bei feuchter Witterung ist groß. Alles Umstände, die den Traktor- oder Autofahrer nicht weiter stören. Die an den schlammigen Fahrbahnrand gedrängten Fußgänger und Radfahrer*innen aber schon. Deutlicher Punkteabzug für den Radnetzplan also.

Dieser Weg ist offenbar im Radwegenetz, weil grün-weiße Schilder dahin weisen. Aber nicht, weil er zum Radfahren gut geeignet ist.

Am Römerbrunnen bis Massenheim, Harheimer Weg (Laupushof)

Dieser Weg ist ab der Bebauungsgrenze ein einspuriger Wirtschaftsweg. Sobald ein Traktor mit Anhänger entgegen kommt, muss der Radfahrer in den Acker ausweichen. Zudem ist der Weg bei regnerischem Wetter häufig stark verschmutzt und dann nur mit abwaschbarem Friesenmantel und Gummistiefeln fahrbar. Also genau wie oben: Was, bitte, ist daran „radfahrgeeignet“? Aber das hatten wir schon: Ein in der Radnetzkarte verzeichneter Weg ist eben kein Radweg. Er muss nicht mal für Radverkehr in besonderer Weise geeignet sein.

Fakten: Zusammenfassung Radnetz Harheim

WegeartMeterProzent
Fahrradwege1.05515,50
Straßen mit Fahrradspur6008,82
Normale Verkehrsstraßen4.14060,84
Wirtschaftswege1.01014,84
 6.805 

Im Gegensatz zu den Angaben der Autoren der Fahrradkarte im Frankfurter Mobilitätsdezernat setzt sich das Radnetz im Stadtteil Harheim zum größten Teil (75%) nicht aus Radwegen, Radfahrstreifen und Fahrrad-Schutzstreifen zusammen, sondern aus Straßen und Wirtschaftswegen für den motorisierten Verkehr. Eine besondere Eignung für sicheren Radverkehr ist nicht erkennbar.


Kritik:
Leider entsteht der Eindruck, Harheims Radnetzwege könnten am Schreibtisch in der Frankfurter Innenstadt von Menschen in den Plan eingezeichnet worden sein, die die reale Situation vor Ort nie in Augenschein genommen haben. Genauso übrigens, wie die Radverkehrs-Umleitungsstrecke um die DB-Baustelle Berkersheimer Bahnhof. Wer von Harheim nach Berkersheim fahren möchte und den Umleitungsschildern glaubt, strampelt eine kilometerlange Umleitungstour durch das Verkehrsgewühl in Bonames, über die Homburger Landstraße zum Frankfurter Berg und dort nach Berkersheim. Auch bei dieser Umleitung, die nach Angaben der DB Netze AG vom Radfahrbüro der Stadt Frankfurt geplant worden ist, entstehen bei ortskundigen Pedalisten schnell Zweifel an der praktischen Ortskenntnis und der Sorgfältigkeit der Planer. Zynischerweise ist diese lange Umleitungsstrecke vollständig auf Wegen des Radnetzes. Nur hätte es eine deutlich kürzere Umleitungsstrecke geben können, die ebenfalls auf Radnetzwegen liegt. Was haben sich die Planer dabei eigentlich gedacht?

Fazit:
Frankfurt möchte gerne „Fahrradstadt Frankfurt am Main“ werden und hat den Anspruch, den Radverkehr massiv zu fördern und auszuweiten. Die Ergebnisse werden vor allem in der Innenstadt sichtbar, wo bei einer Reihe von Straßen für den Radverkehr sichere, getrennte und farbig markierte Spuren eingerichtet worden sind. Frankfurt ist jedoch viel größer und hört nicht am Alleenring auf. Dahinter und bis zum Stadtrand gibt es noch viel mehr Frankfurt und noch viel mehr Frankfurter Menschen die erkannt haben, dass Radfahren eine sehr schnelle und ökonomische Art der Mobilität ist. Umweltfreundlich dazu. Auch diese Frankfurter*innen möchten an der Förderung und Ausweitung eines gepflegten und geeigneten Fahrradnetzes teilhaben. Nur gelingt das ganz sicher nicht durch das Aufstellen grün-weißer Wegweiser und das Einzeichnen von Strichen in einen Stadtplan. Sondern es geschieht, indem man Radnetzwege tatsächlich zu sicheren Radwegen macht.

Wäre das nicht viel ehrlicher gewesen, in die „Fahrradkarte Frankfurt am Main“ nur die Wege aufzunehmen, die für´s sichere Fahrradfahren tatsächlich geeignet sind? Wäre das nicht hilfreich gewesen, wenigstens die Unterschiede zwischen Radwegen, normalen Straßen und landwirtschaftlichen Wegen im Plan sichtbar zu machen? Dann wären es vielleicht keine 836 Kilometer radfahrgeeignete Wege mehr, sondern weniger. Und der Geschmack von Etikettenschwindel würde sich verflüchtigen.

Fakten:
Das Radfahrportal der Stadt Frankfurt am Main inclusive Fahrrad-Stadtplan im Internet: www.radfahren-ffm.de  

Der Fahrrad-Stadtplan Frankfurt
ist kostenlos und hier erhältlich:

– Bürgerberatung der Stadt Frankfurt (Hinter dem Lämmchen 6, 60311)
– Tourist Information Römer, Römerberg 27
– in den Standorten der Stadtbücherei Frankfurt und der Fahrbibliothek
– in der RMV-Mobilitätszentrale Frankfurt an der Hauptwache
– im Infoladen des ADFC Frankfurt am Main e.V., Fichardstraße 46.

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