17.12.2019 Die Macht der Selfies – jeder wird berühmt

Weihnachten. Heute viel einfacher. Früher immer totaler Stress. Alleine das Schreiben der rund drei Dutzend Weihnachtskarten, handschriftlich, jede Karte liebevoll und individuell für die Empfänger ausgesucht, gekauft, eingetütet und frankiert. Sowas gibt‘s heute nicht mehr! Ein „Merry Xmas 2 u all“ und noch einen fliegenden Engel-Emoji hintendran und ab, portoschonend über Facebook oder Instagram. Da kriegen alle Freunde meine herzlichen und persönlichen Weihnachtsgrüße, ob sie wollen oder nicht. Für besonders gute Freunde gibt‘s an Heilig Abend noch eine individuelle Überraschung, nämlich das Familien-Selfie mit dem bezipfelmützten Dackel Oskar auf dem Arm und vor dem SOS-blinkenden Bio-Weihnachtsbaum, der selber lieber zu Hause im Wald geblieben wäre, wo sich Fuchs und Hase schöne Weihnachten wünschen und wo er ein wenig CO2 aus der Atmosphäre getilgt hätte. Aber ihn hat ja keiner gefragt. Die digitalen Weihnachtswunschkarten, die Selfies per TwInstaFacegram ins Netz gepostet, bringen dann die Mobilfunk-Sendemasten energieintensiv zum Platzen und beglücken dutzende, hunderte, gar tausende Freunde, die sicher auf genau mein Weihnachts-Selfie sehnsüchtig gewartet haben. Die nagen gerade mit der Familie an der Weihnachtsgans, swipen nebenher die vielen Posts mit den wahnsinnig witzigen Happy X-Mas Selfies nach links oder rechts, und sie müssen sofort zur Strafe ein wahnsinnig witziges Kommentar oder wenigstens einen Like dranhängen und zurücksenden. Man will ja nicht undankbar sein. Vorsicht beim sozialen Netzwerk. Da ist man schneller draußen als man drin ist, hat plötzlich keine Freunde oder Follower mehr und sitzt vereinsamt vor dem BioWeihnachtsbaum.

Aber wartet die Welt da draußen denn wirklich auf die unzähligen, schlecht belichteten, verwackelten und unscharfen Selfies? Oder auf vorformulierte, süß verzierte Grußkarten, die der Computer auch alleine entwerfen, aussuchen und versenden kann? Will das wirklich jemand haben? Statt Selfies gucken nehmen Sie sich lieber mal die Zeit und besuchen die van Gogh Ausstellung im Frankfurter Städel Museum! Dort hängt ein vom Maler selbst angefertigtes Selfie, Maljahr 1887. Daran hat er tagelang, vielleicht wochenlang mit Farbe und Pinsel gearbeitet. Das ist ein echtes Kunstwerk. Heute hat das Bild einen Wert von vielleicht 50 Millionen Euro. Damals war das Bild nicht einmal Farbe und Leinwand wert, und hätte es Instagram schon gegeben, van Gogh hätte bestimmt dort nicht mal ein Dutzend Herzchen oder Likes bekommen und sich gefrustet womöglich noch ein Ohr abgeschnitten. So ändern sich die Zeiten. „In Zukunft wird jeder für 15 Minuten weltberühmt sein“  hatte Andy Warhol vor 50 Jahren prophezeit, als Facebook und Instagram noch Science Fiction waren. Heute hat jeder 15 Minuten lang das coole Gefühl, weltberühmt zu sein. Aber keiner merkt, dass die Nabelschau niemand wirklich interessiert. Die Millionen von banalen, nichtsagenden Selfies ersaufen in der Masse. Ein Van Gogh ist mehr wert, als alle Selfies der Welt zusammengenommen, ein vertrauter Mensch wichtiger, als Tausende von Facebookfreunden, jemand der Ihnen zuhört wichtiger, als alle Followers oder Likes rund um den Globus. In der Zeit, in der Sie all die Grüße und Selfies ansehen, könnten sie den Menschen um Sie herum einfach schöne Weihnachten wünschen, dem Nachbarn ein paar Plätzchen anbieten, ein Kerzchen anzünden und die wunderbaren van Gogh Bilder bewundern. Ob Ihr Weihnachten schön, wertvoll, ruhig, kreativ und sinnvoll wird? Es liegt ganz bei Ihnen.

mit nachdenklichen Grüßen
Helmut Seuffert

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