Die letzten Tage der Titanic

In der Nacht des 14. April 1912 gegen 23:40 Uhr kollidierte das zu der Zeit größte Passagierschiff der Welt ungefähr 300 Seemeilen südöstlich von Neufundland mit einem überraschend auftauchenden Eisberg. Der Eisberg dümpelte unbeeindruckt weiter. Das Schiff, die als unsinkbar bezeichnete Titanic, versank zwei Stunden und vierzig Minuten später im eiskalten Atlantik. Von den rund 2200 Personen, die sich bei Abfahrt an Bord befunden hatten, überlebten 1514 dieses Unglück nicht. Wäre diese Katastrophe vermeidbar gewesen?

Die Titanic war 269 Meter lang, 28 Meter breit und 53 Meter hoch. Genau wie ihr fast zeitgleich gebautes Schwesterschiff „Olympic“ galt die Konstruktion mit automatisch schließenden Wasserschutztüren zwischen den sechzehn wasserdicht abschottbaren Abteilungen als „praktisch unsinkbar“. Trotzdem hingen sicherheitshalber zwei Notfall-Kutter auf beiden Seiten des Schiffes einsatzbereit. 14 große Rettungsboote und vier Faltboote waren ebenfalls für den sehr unwahrscheinlichen Fall der Fälle an Bord. Die beiden Kutter konnten je 40 Passagiere aufnehmen. Die Rettungsboote hatten Platz für jeweils 65 Personen, in die Faltboote passten je 47 Personen. Im unwahrscheinlichen Katastrophenfalle war damit Platz für 1178 Menschen, also nur für etwa die Hälfte der Passagiere, die die Fahrt von Southampton nach New York für teuer Geld gebucht hatten. Die geringe Anzahl der Rettungsboote entsprach den damals gültigen Vorschriften aus dem Jahre 1896. Für die erforderliche Anzahl der Plätze in Rettungsbooten war nicht die maximale Anzahl der Passagiere maßgebend, sondern die Tonnage des Schiffs. Aber man war ja ohnehin davon überzeugt, dass die Titanic niemals sinken könnte. Wozu brauchte man also Rettungsboote? 

Vielleicht hat ein Kohlestreik in Großbritannien vielen Menschen das Leben gerettet, der zum Zeitpunkt der geplanten Abfahrt fast die gesamte Schifffahrt lahmgelegt hatte. Die Titanic war nämlich auf ihrer Jungfernfahrt bei weitem nicht ausgebucht und nur etwa die Hälfte der Kabinen besetzt. Mit an Bord dabei war Bruce Ismay, der Direktor der Reederei White Star Line, der die Titanic gehörte.  

Die Titanic war noch nicht einmal aus dem Hafen gedampft, da geschieht schon der erste Zwischenfall beim Auslaufen. Durch den Sog des riesigen Dampfschiffs reißen die Taue der im gleichen Hafen liegenden Schiffe „New York“ und „RMS Oceanic“ und nur knapp kann ein Zusammenstoß verhindert werden. Mit einer Stunde Verspätung verlässt die Titanic Southampton. Ein schlechtes Omen?

Jetzt aber volle Kraft voraus auf dem kürzesten Weg nach New York? Nein, So einfach ist es nicht. Im Frühjahr entstehen in der Arktis und um Grönland Packeisfelder die durch den kalten Labradorstrom langsam abschmelzend nach Süden zum Äquator driften. Da kommt besonders ein so großes Schiff wie die Titanic nicht so einfach durch.   

Deswegen hatten schon 1899, also 13 Jahre vor dem Start der Titanic, die großen Reedereien vereinbart, dass zwischen dem 15. Januar und dem 14. August eine südliche Route Richtung Westen genommen werden muss, um den Eisbergen aus dem Weg zu gehen. Der Kurs der Titanic führte also erst weit nach Süden, um dann an einem Korrekturpunkt nach Westen zu drehen. Tatsächlich war die Titanic sogar noch etwas weiter nach Süden gefahren, bevor sie nach Westen drehte. Das müsste doch eigentlich reichen.

Vielleicht war das eine Vorsichtsmaßnahme. Denn Kapitän Edward John Smith und seine Offiziere hatten schon vor der Abfahrt in Southampton Nachrichten bekommen, dass das Treibeisfeld größer war als in den vergangenen Jahren. Drei Tage nach der Abfahrt hatte die Titanic schon 1500 Meilen auf offener See zurückgelegt, als am 14. April um 9 Uhr Eisbergwarnungen eintreffen. Fünf Stunden später erreicht eine dringende Warnung auch Reedereidirektor Bruce Ismay. Der aber schenkt der Meldung wenig Beachtung. Er verstaut sie immerhin in seiner Hosentasche. Tempo zu drosseln liegt nicht in seinem Interesse. Er will lieber gerne der Welt die Leistungsfähigkeit der Titanic beweisen.

Nun gehen aber auch noch mehr Funksprüche von anderen Schiffen ein, die vor Treibeisfeldern und Eisbergen warnen. Aber Funktelegramme waren 1912 noch eher eine schicke technische Erfindung zum Übertragen von Grüßen und Glückwünschen für die wohlhabende Gesellschaft, ähnlich also, wie Facebook rund 100 Jahre später. Für die Routenplanung von Schiffen hatte der Funkverkehr bis zu diesem Zeitpunkt keine ernsthafte Rolle gespielt. 

Daher sind die Funker auf der Titanic hauptsächlich mit dem Durchmorsen privater Telegramme beschäftigt und nicht alle Eiswarnungen werden von den Funkern an die Brücke weitergeleitet. Den Offizieren auf der Brücke ist die Eisberggefahr offensichtlich bewusst, jedoch haben sie unterschiedliche Informationen und unglücklicherweise kennt keiner von ihnen alle Eisbergwarntelegramme. Das Gesamtbild hätte gezeigt, dass die Titanic ohne Kursänderung am Abend des 14. April direkt in ein Treibeisfeld geraten würde.

Die Informationen waren da. Das Risiko war bekannt. Was hat also die Offiziere dazu bewogen, einfach nach Plan weiterzusteuern? Der Glaube, dass irgendwie doch alles gut gehen würde? Die Vermutung, dass die Warnungen vor den Eisbergen übertrieben wären?

20 Minuten vor Mitternacht an diesem Sonntag entdeckt der Ausguck Frederick Fleet den Eisberg. Er läutet sofort die Alarmglocke und meldet „Eisberg voraus“ an die Brücke. Am Ruder bekommt Rudergänger Robert Hichens den Befehl „Hart Steuerbord“. Aber es ist zu spät. Das unsinkbare Schiff kollidiert mit einem auf 300.000 Tonnen geschätzten Eisberg, der wohl von einem Gletscher in Grönland aus die Reise gen Süden angetreten hatte.

Der Schaden nach dem Zusammenstoß erscheint zunächst gering. In der ersten Stunde nach dem Aufprall strömen etwa 22.000 Tonnen Wasser durch die Lecks ein, aber die Titanic ist fast noch im Gleichgewicht. Kapitän Smith schaut sich den Schaden an und berät sich mit dem Schiffskonstrukteur Thomas Andrews. Der sieht aber keine Chance mehr, das eindringende Wasser zu stoppen und warnt vor einem raschen Untergang des Schiffs.

Um 0:15 Uhr, also eine halbe Stunde nach dem Aufprall, beginnen die Funker SOS zu funken und andere Schiffe um Hilfe zu rufen. Die Carpathia meldet sich. Sie würde in etwa vier Stunden an der Unglücksstelle sein.

Gegen 0:45 Uhr lässt man das erste Rettungsboot ins Wasser. Um aufkommende Panik zu vermeiden, hat die Mannschaft die Anweisung, den Passagieren die Aktion als „Bootsmanöver“ zu erklären, worauf viele Reisende total beruhigt sind und erst einmal auf das Anlegen von Rettungswesten verzichtet. Zu all dem spielt auf Anordnung der Schiffsführung das Schiffsorchester unter Leitung von Kapellmeister Wallace Hartley auf dem Bootsdeck heitere Ragtime-Musik und trägt zur Beruhigung bei. Alles nicht so schlimm, wird schon gutgehen.

An den Rettungsbooten haben die Offiziere allerhand zu tun. Bevor die Boote ins Wasser gelassen werden, müssen sie besetzt werden und dabei halten sich die Offiziere streng an den Birkenhead-Grundsatz: „Frauen und Kinder zuerst“. Was aber tun, wenn die 67 Plätze nur zur Hälfte besetzt sind, gerade aber keine weitere Frau auf Rettung wartet und die noch stabil und sicher erscheinende Titanic auf diesem abenteuerlichen Weg verlassen möchte? Also sind etliche Rettungsboote bei weitem nicht voll besetzt.

Das letzte Faltboot wird um 2:05 Uhr ins Wasser gelassen. Die Funker sind zwar von ihren Pflichten entbunden, senden aber unverdrossen weiter auch wenn ihnen das Wasser schon um die Füße schwappt. Fünf Minuten später ist der Kesselraum vier geflutet und 40.000 Tonnen Wasser sorgen dafür, dass der Bug in die Tiefe abzusinkt und das kalte Wasser erreicht die Schiffsbrücke. Der vordere Schornstein stürzt ein und erschlägt einige Menschen im Wasser. Gegen 2:18 Uhr reißen sich Einrichtungsgegenstände und Kessel los und rutschen  umher. Jetzt bricht auch der Schiffsrumpf, die Dampf- und Stromleitungen reißen ab, die Lichter auf dem Schiff gehen aus. Zwei Minuten später sinkt die Titanic in die Tiefe.

Die Menschen in den Booten müssen noch etwa zwei weitere Stunden warten, ehe die Carpathia ankommt und rettet, wer zu retten ist. Aber zu diesem Zeitpunkt sind viele Menschen bereits in dem etwa 0°C kalten Wasser an Unterkühlung gestorben.

All das nur, weil man den beunruhigenden Informationen nicht glauben wollte und weil man sich so sicher war, dass es irgendwie schon gutgehen würde?

Eine Ähnlichkeit mit der Situation der Menschen auf dem Planeten Erde im Jahre 2021 wäre natürlich rein zufällig und keineswegs beabsichtigt. Alle Informationen stammen öffentlich zugänglich aus Wikipedia.



mit nachdenklichen Grüßen


Helmut Seuffert