Übers Glück

Übers Glück ….

„Schreiben Sie doch mal was über Glück“ hatte mir Frau K., eine treue Leserin meiner Kolumne, im Supermarkt zwischen den Regalen mit der Schokolade und den Getränken gesagt. Dabei hatte ich ja eigentlich vor, etwas über den Echo zu schreiben, den die zwei deutschen erfolgreichsten Rapper, Farid Bang und Kollegah, dafür bekommen haben, dass die männliche Jugend Deutschlands ihr Taschengeld vorzugsweise bei diesen zwei Poeten abliefert, damit sie sich mit deren gewaltverherrlichenden, frauenverachtenden, überheblichen und hasserfüllten Sprechrüpeleien hautnah identifizieren oder infizieren können. Noch gar nicht so lange her, als Kollegah goldkettengeschmückt und ganz auf Zuhälter getrimmt von der Großplakatwerbewand von eben dem Supermarkt auf jeden herunterprotzte, der hier einkaufen ging. Als wollte er sagen „Ha, da guckst du. Isch habs geschafft und du musst beim Discounter shoppen gehen“. Zum Glück können Werbeplakatwände nicht rappen und nicht sprechen und müssen still nur vor sich hin werben. Ein Glück wäre es, wenn Kollegah und sein Kollege Farid Bang einfach nur eine chronische Stimmbandentzündung kriegen würden und nicht ständig ihre asoziale Wortsoße über minderjährige Schüler heruntergießen könnten. Wenn diese auch nur eine Zeile aus Kollegahs Texten öffentlich in der Großen Pause auf dem Schulhof zitieren, fliegen sie ja nur mit viel Glück nicht von der Schule.

Glück, was ist eigentlich Glück? Nicht von der Schule zu fliegen wenn man Kollegah zitiert? Der Sechser im Lotto, wenn man in allerletzter Sekunde den Wettschein abgegeben hat? Bei Rot über die Kreuzung und der Blitzer ist kaputt? Das Handspiel im Fußball und der Schiri hats nicht gesehen? Glück ist vielleicht auch einen sicheren Job zu haben, der gut bezahlt wird. Ein Hortplatz für die Kinder, wenn beide Eltern arbeiten. Glück ist, von Krankheiten verschont zu bleiben, mal ausgenommen die Stimmbandentzündung für Kollegah. Glück ist vielleicht, in Frankfurt eine Wohnung gefunden zu haben, oder gar in Harheim. Für den einen oder anderen ist Glück, wenn er aus einem Land vor Krieg und Leid flüchtet und lebend ein sicheres Asyl erreicht und Menschen, die ihn aufnehmen. Hat Glück immer mit Zufall zu tun?

Aber das Glück beginnt zu bröckeln, wenn man den sicheren Job zwar hat, die Kollegen aber mehr verdienen. Schon ist man nicht mehr ganz so glücklich. Wenn man die Wohnung nicht in Frankfurt, sondern in Offenbach gefunden hat. Nicht im idyllischen Harheim, sondern in Griesheim. Da kommt schnell zum Glück Pech dazu. Auch der geflüchtete Mensch hatte immerhin Pech mit der Auswahl seiner Religion und seines Geburtsortes. Und jetzt kreuzen sich Glück und Pech. Wenn der geflüchtete Mensch in eine Wohnung in Harheim einziehen darf, hat er vielleicht Glück. Die Nachbarn der Wohnanlage fühlen sich vom Glück dagegen verlassen. Denn sie haben jetzt glückliche Flüchtlinge als Nachbarn. Glück ist vielleicht auch, wenn der Lehrer in der Schule, die Jugendtrainerin beim Fußball oder der Wehrführer bei der freiwilligen Feuerwehr den Jugendlichen etwas über Respekt, Fairness und Achtung erzählen und sie nicht der glückleeren unheilvollen Welt von Kollegah & Co. überlassen.

„Ein Mensch ist so reich, wie die Anzahl der Dinge, auf die er verzichten kann“ schrieb Henry David Thoreau. Vielleicht ist Glück einfach, mit dem glücklich zu sein, was man hat. Nur, was ist, wenn man nichts hat? Nicht einmal Glück?

Viel Glück und
mit nachdenklichen Grüßen

Helmut Seuffert

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