Wirtschaftswissenschaften einmal praktisch übersetzt

Fragen Sie mal Abiturienten, was sie am liebsten studieren wollen. Mit am häufigsten werden Wirtschaftswissenschaften genannt. Das war schon immer ein Geheimnis, wie unser Wirtschaftsleben so tickt. Rund ein Viertel der Studenten geben aber das Studium ohne Abschluß auf. Viele verstehen nämlich die mikro- oder makroökonomischen  Theorien nicht. Einige der Studienabbrecher vermuten sogar, es gäbe keinen, der diese Theorien überhaupt verstünde.

Das bekannteste ökonomische Gesetz ist das von Nachfrage und Angebot, im Volksmund unterdessen despektierlich auch als Ich-bin-doch-nicht-blöd-Gesetz bekannt. Danach stellt sich vollautomatisch immer ein günstigster Preis aufgrund von Nachfrage und Angebot ein. Je mehr Waren auf dem Markt vorhanden sind, desto billiger wird der Preis sein. Das können wir am Arbeitsmarkt sehen. Je mehr Arbeitslose da sind, desto schwieriger ist es, ein hohes Gehalt zu kriegen. Weil eben immer welche da sind, die den gleichen Job für weniger Geld machen würden. Je mehr Menschen in Frankfurt eine Wohnung suchen, desto höher sind die Mieten. Weil es immer jemanden gibt, der sagt, ich nehm die Wohnung und leg noch einen Hunni drauf, wenn Sie alle anderen gleich wegschicken.

Das bizarre an der Wirtschaftswissenschaft ist nun, dass fast alle Theorien in Realität als richtig bestätigt werden können. Gleichzeitig können aber auch Belege für das exakte Gegenteil gefunden werden.

Lassen Sie sich mal von Wirtschaftswissenschaftlern erklären, weshalb es Vorstände bei Volkswagen gibt, die etwa eine Million Euro im Monat kriegen, obwohl sie dafür gar nichts leisten. Lassen sie sich weiter erklären, weshalb der nach nur fünf VW Jahren eine monatliche Rente von 60.000 Euro bekommt, während Menschen, die ihr ganzes Leben Schummelsoftware in Autos eingebaut haben, die Eurocents zusammenzählen, in Sorge, ob sie sich im Alter noch Hundefutter leisten können. Da wird man doch bestimmt jemand anderen für den Job finden, der gleich wenig leistet, aber das nur zu einem Hundertstel des Gehalts. Wo bleibt da die akademische Theorie?

Noch ein Beispiel gefällig? Weshalb wird in Frankfurt kaum preiswerter Wohnraum geschaffen obwohl  die Nachfrage dafür ja offensichtlich da ist. Teure Exklusivwohnungen für 10.000 Euro pro Quadratmeter aufwärts schiessen dagegen momentan in Frankfurt wie die Pilze aus dem Boden. So können Sie das jede Woche in der Zeitung lesen.

Sehen Sie, da kommt der arme Student der Wirtschaftswissenschaft ganz schnell böse ins Grübeln. Wenn man Geographie-Studenten erklären würde, die Erde wäre eine Scheibe, dann würden die vermutlich auch das Studium schmeißen.

Aber die Wirtschaftsfachleute sind da ein wenig schmerzfreier. Wenn eine Theorie nicht hinhaut, dann erfinden sie einfach eine, die das Gegenteil aussagt. („Was nicht passt, wird passend gemacht“). In diesem Falle heißt diese Theorie der „Veblen-Effekt“, benannt nach Thorstein B. Veblen, der die paradoxe Erscheinung schon vor hundert Jahren beschrieben hat: Ein höherer Preis führt zu einer größeren Nachfrage, als ein niedrigerer Preis.

In die Praxis umgesetzt heißt das: In Frankfurt wird in Innenstadtnähe ein Areal mit einem Wohnhochhaus gebaut.  Da würde zwar kein normal denkender Mensch gerne wohnen wollen, aber sobald man den Quadratmeterpreis auf € 13.000 hochschiebt, stehen die Nachfrager Schlange. Und wissen Sie auch warum? Weil dort dann die Reichen unter sich sind.

Haben Sie mal nachgefragt, was eine Wohnung in dem neuen Dom-Römer-Projekt kostet? Fragen Sie lieber nicht. Bei der DomRömer-Gesellschaft können Sie eine „Führung über die Frankfurter Altstadt-Baustelle“ gewinnen. Probieren Sie es. Vielleicht haben Sie Glück und sehen mal, wie die Superreichen wohnen werden.

Würden Sie denn für ein paar Schuhe 800 Euro ausgeben oder für ein Hemd 300? Eher nicht? Aber dennoch kommen die Geschäfte in der Goethestraße trotz dieser hohen Preise offenbar ganz gut über die Runden.

Und so kapert die Gruppe der Besserverdienenden Stück für Stück Frankfurt. Frisst sich von innen nach außen. Deswegen werden Sie sich vielleicht den Einkaufsbummel auf der Zeil irgendwann nicht mehr leisten können, sofern Sie nicht zum Club der Reichen dazugehören. Sie werden nicht mehr im Ostend, Westend oder Nordend wohnen können, sondern in Bonames, Preungesheim, Nieder-Eschbach, wohin die Habenichtse abgeschoben werden. Selbst der vom Frankfurter Ex-Baupapst Martin Wentz entworfene Riedberg  ist ja schon zu teuer für den Polizisten und die Krankenschwester. Deswegen wird jetzt der Pfingstberg zugebaut. Mit preiswertem Wohnraum. Weil ja nach dem Gesetz von Nachfrage und Angebot eine Erhöhung des Angebots an Wohnfläche den Preis senkt. Und weil ja die Erde eine Scheibe ist.

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