Wahlplakate verstehen leicht gemacht (Folge1): Die Sache mit den fahrenden Rädern.

fahrende Räder oder stehende Autos?

In Frankfurt am Main waren im Jahr 2018 ziemlich genau 385.701 Kraftfahrzeuge zugelassen gewesen. Im Durchschnitt steht ein Auto nach dem VCD 95% der Zeit nur herum. Ergebnis also: In Frankfurt gibt es etwa 366.500 stehende Autos. Die Frage nach den Pendlern lassen wir mal weg. Das wird sonst zu kompliziert.

Aber halten wir fest: In Frankfurt kommen auf 1000 Einwohner 516 Autos.

Nun zu den Rädern. In Deutschland gibt es auf 83 Millionen Einwohner etwa 76 Millionen Fahrräder. Auf 1000 Einwohner kommen demnach 916 Fahrräder. Übertragen auf Frankfurt heißt das, in der Stadt am Main gibt es insgesamt etwa 690.000 Fahrräder. Deutlich mehr als Autos also.

Zu der Frage, wie viele davon nur rumstehen, gibt es keine verlässliche Antwort. Wir nehmen einmal mutig an, dass Fahrräder 90% der Zeit nur stehen. Jetzt hilft uns der hoffentlich in der Schule gelernte Dreisatz. Damit können wir ausrechnen, dass in Frankfurt auf 69.000 fahrende Fahrräder 366.416 stehende Autos kommen. Aber was wollen uns die Autoren dieses etwas verschwurbelten Bonmots denn nun eigentlich sagen?

Nehmen wir nur mal an, alle fahrenden Autofahrer würde tutto kompletto aufs Fahrrad umsteigen und ihr Auto stehen lassen. Dann würden also die 19.285 normal fahrenden Autos ab sofort auch noch stehen, das wären zusammen also 385.701 stehende Autos. Die Zahl der fahrenden Räder würde sich um die gleiche Anzahl erhöhen, das wären dann also zusammen 88.285 rollende Fahrräder, die an 385.701 stehenden Autos vorbeifahren. Das reicht also noch lange nicht, wenn es mehr fahrende Räder als stehende Autos geben soll. Da müsste also die Zahl der Fahrräder 4,37 mal so hoch sein. Es müsste in Frankfurt 3.014.483 Fahrräder geben. Viel mehr, als es Einwohner gibt.

Von mehr fahrenden Rädern als stehenden Autos sind wir also immer noch unerreichbar weit entfernt. Also: für welches Problem will uns dieser Satz eigentlich eine Lösung bieten?

Logisch, am Ende soll dabei die Moral stehen, dass Radfahren die so viel bessere und umweltfreundlichere Alternative gegenüber dem Auto ist. Bloß, ginge das nicht auch einfacher?

Etwas gewonnen wäre doch wohl nur, wenn die Eigentümer der fast immer vor sich hin stehenden Autos diese nutzlosen Blechkisten verkaufen würden und von Verkaufserlös vielleicht ein schickes E-Bike oder Lastenrad anschaffen. Dann würden nicht mehr Tausende von Autos bei knappem Parkraum auf Radwegen oder auf den Gehwegen parken und Fußgänger und Radfahrer behindern und belästigen.

Dann könnte man längerfristig den Etat zum Ausbau der Radwege deutlich erhöhen, und das Geld für Straßenunterhalt oder -ausbau streichen. Weil: kein Autoverkehr mehr, dann auch weniger Aufwand. Es gäbe keine Staus mehr, denn die paar Offenbächer Autos schaffen das nicht. Die Luft zum Atmen wäre erheblich reiner, die Zahl der Herzinfarkte und Atemwegserkrankungen wird sinken.

Nun das Urteil unserer Jury:
Statt klare Lösungen aufzuzeigen will das Plakat wohl zur Rätselseite in der nationalen Wahlwerbelandschaft werden. Ob aber das akademische Glasperlenspiel bei den Wähler*innen dazu führt, dass sie ihr Kreuz an der richtigen Stelle machen, glauben wir eher nicht. Zu kompliziert. Ein klarer Minuspunkt.

Andererseits gibts von der Jury den Ehrlichkeitspunkt. Schließlich wird ja nichts versprochen, was man hinterher nicht halten könnte.

Leider gibt es aber auch für die Kategorie Effectability (Wirksamkeit) einen Minuspunkt. Die einzige Erkenntnis zu der die Leser*innen kommen: Komplizierte Probleme erfordern bestimmt komplizierte Lösungen. Ist den meisten aber zu anstrengend. Ginge das nicht einfacher?