Wahlplakate verstehen leicht gemacht (Folge 10): Gemisches Allerlei in Rot auf Neongelb.

Ist das Kunst oder kann das weg?

Nun, die Farbgebung dieses Plakats ist schon krass. Komplementärfarbkontraste und Neongelb stechen schmerzhaft ins Auge und lenken den Blick auf das, was in Frankfurt zählt. Reicht das, um die Botschaft verständlich rüberzubringen? Aber Holla, die Waldfee, das ist nicht nur eine Botschaft. Das ist ein gesammeltes Kompendium an Botschaften.

„Ideen statt Ideologien“. Wer in Wikipedia nach dem Begriff „Ideologie“ sucht landet unvermeidbar bei Marx und Engels und im Klassenkampf des 19. Jahrhunderts. In Frankfurts 67er-Studentenrevolution dann von Max Horkheimer und Theodor Adorno per Mund-zu-Mund-Beatmung wiederbelebt, gehört das I-Wort noch zum Schimpfwortschatz einiger überlebender Alt-Spontis.

Die Urheberschaft am Prototyp der „x statt y“ Parole dagegen wird dem Hessen Alfred Dregger (1920-2002) im Bundestagswahlkampf 1976 zugeschrieben: „Freiheit statt Sozialismus“. Dieser neongelb-rote Wahlkampfsprech ist totsicher, arg in die Jahre gekommen, ziemlich abgegurgelt und definitiv reif für die magere Rente. Aber so wie Kopfrechnen immer noch nicht völlig ausgemustert worden.

„Gute Schulen, Kitas und mehr Hortplätze“. Das hat uns dann doch total geflasht. Wir hatten leider verpennt, rechtzeitig eine Kategorie für Kreativität einzurichten. Alleine dafür, um diesem Plakat null Punkte zu geben und eine silberne Zitrone hinterherzuwerfen. Hat denn jemals in der Geschichte der Menschheit irgend eine Partei oder Wählergruppe für schlechte Schulen, Kitas und weniger Hortplätze mit Erfolg geworben?

Support your locals – ok. das verstehen wir jetzt. Auch wir unterstützen den heimischen Bäcker, Metzger und Hofladen, lassen das Motorrad beim örtlichen Schrauber richten, das Fahrrad in der fußläufig erreichbaren Fahrradscheune und das Dach natürlich vom Harheimer Fachmann oder Fachfrau neu decken. Wir wissen ganz genau, wie viel uns die kompetenten und freundlichen Spezialist*innen und Fachleute am Ort wert sind. Dazu brauchen wir aber keine Partei, die uns belehrt. Aber vielleicht kriegen sie ja Provision.

Mehr Sicherheit und Sauberkeit für Frankfurt? Noch so ein genialer Geistesblitz. Jetzt, Leute, mal bitte Handkäs an die Musik. Geht’s nicht ein klitzekleines bisschen konkreter?


Die Meinung der Jury

Sorry liebe Rot-gelb-blau-magenta-weißen, aber nur ein paar unverbindliche Allgemeinplätzchen zu backen und sie aufs Plakat zu heften, das reicht einfach nicht. Hier fehlt es doch arg an kreativen Ideen, Mut, an verbindlichem Inhalt, an konkreten Plänen. Und ein gewisses Auge und Händchen für die grafische Gestaltung wäre dann die Sahne oben drauf. Ergebnis: Null Punkte für null Inhalt und null Form.  

In der Kategorie Ehrlichkeit gibt es einen bitter verdienten Punkt dafür, dass den Machern des Plakats – ganz ehrlich – nichts Besseres eingefallen ist. 

Da bleibt die Kategorie Effectability (Wirksamkeit). Nach kurzem Blick auf das Plakat hatte sich die Jury ruckzuck auf null Punkte geeinigt, und sich flugs weggedreht, ehe noch gesundheitliche Schäden im Verdauungstrakt auftreten könnten.