Wahlplakate verstehen leicht gemacht (Folge 5): Von schwierigen Zeiten zu richtigen Antworten

Schwierige Zeiten. Ungelogen …

Schwierige Zeiten. Richtige Antworten. Dahinter der Name einer Partei. (Den Namen haben wir ersetzt, der tut nichts zur Sache). Mit klar verständlichen Sätzen aus jeweils nur zwei Worten geht es weiter. „Wir alle.“ und „Für Frankfurt“.

Echt schlagende Argumente! Da ist Widerstand schon von vornherein zwecklos. Schwierige Zeiten? Ja, alle nicken zustimmend. Richtige Antworten! Ooooh ja, Hoffnung keimt auf. Spot an, Vorhang auf, die Lösung betritt die Bühne.

Jetzt aber mal aufwachen, Leute. Ganz ehrlich, das liest sich so, als hätte jemand den Schnellkurs „Verkaufsgespräche erfolgreich führen“ mit Auszeichnung bestanden. Der rhetorische Trick nennt sich „Verankerung“ und bringt psychologische Vorteile. Am Anfang des Gesprächs werden Fragen gestellt, denen das Gegenüber mit Sicherheit zustimmt. („Sie wollen doch auch lieber weniger Steuern bezahlen als zuviel? Sie wollen doch auch lieber in einer gesunden Umwelt leben ….?“). Dann erscheint plötzlich unvermittelt die angebotene Lösung wie General Custers 7. Kavallerie am Horizont. Endlich. Die Rettung ist nah.

Schwierige Zeiten? Aber sicher. Richtige Antworten? Na klar! Prima. Dann nur noch bitte rechts unten unterschreiben. Und alles wird gut. Ganz taufrisch ist der Trick allerdings nicht, es gibt historisch beeindruckende Beispiele.

Das Urteil unserer Jury:
Wir unterscheiden zwischen Inhalt und Präsentation. Die Plakatbotschaft ist und bleibt Null. Die Präsentation der Null ist dagegen perfekt aus dem Verkaufshandbuch gelernt. Aber Null mal Hundert bleibt eben immer noch Null.

Volle drei Punkte in der Ehrlichkeitskategorie. Schwierige Zeiten sind immer. Richtige Antworten waren noch nie falsch. Das ist einfach grundehrlich. Auch wenn der Leser in Halbhypnose die vielleicht falschen Schlüsse draus zieht.

In der Kategorie Effectability (Wirksamkeit) hat die Jury ein dickes Problem in Form einer „Split decision“. Ein Teil der Jury ist der Ansicht, der kleine rhetorische Trick hat einen meterlangen Bart und funktioniert schon lange nicht mehr. Ein anderer Teil meint, der kleine rhetorische Trick hat noch nie wirklich funktioniert und zeigt nur, für wie doof der Verkäufer die Kunden hält. Das letzte Drittel der Jury ist augenblicklich auf der Suche nach richtigen Antworten in Frankfurt verschollen. Das war´s dann erst mal mit „Wir alle“. Obwohl auch bestimmt alle anderen für Frankfurt sind. Oder ist jemand für Offenbach?