Wahlplakate verstehen leicht gemacht (Folge 6): Die Sache mit den Mieten und der Marktwirtschaft.

Aaaaaber Halt! Vielleicht Trugschluss

„Wohnungen bauen, Mieten stabilisieren“. Ist  glasklar. Verständlich formuliert. Aaaaber Halt. Vielleicht Trugschluss? Wo Zusammenhang?

Antwort: Wirtschaftswissenschaft. Adam Smith. Schon 1776. Angebot hoch. Preis klein. Ist logisch. Wohnraum teuer? Was tun? Wohnungen bauen! Angebot groß. Miete klein. Funktioniert wirklich? Frankfurt, Dublin? Zürich, Paris? New York, Tel Aviv? Wo denn? Na also. Funktioniert nicht. Aber warum?

Zinsen niedrig. Kredite auch. Seit 2010. Bauen billig. Gutes Geschäft. Also los. Bauen schön. Bauen hoch. Hauptsache Luxus. Hohe Nachfrage. Immobilienwirtschaft brummt. Profit stimmt. Kein Bauland? Auch egal. Altbau sanieren! Dann hochwertig! Mieterhöhung garantiert. Gewinne auch. Also Fazit. Mieten stabilisieren? Läuft nicht. Was tun? Wohnungen bauen! Mieten stabilisieren! Wo Zusammenhang? Vielleicht Trugschluss? Ach egal. Hauptsache bauen. Bauwirtschaft verdient. Goldene Nase. Nicht nachdenken. Weiter so. Und wählen. Richtige Partei. Aber jetzt. Keine Zeit. Wohnungen bauen. Mieten stabilisieren. Immer wiederholen. Mantra glauben. Wohnungen bauen. Aber wohin. Auf Grünflächen. Klima egal. Wohnungen bauen. Mieten stabilisieren. Nicht nachdenken. Einfach machen. Funktioniert nicht? Das piepegal. In Frankfurt. Letzte Jahre. Viel Wohnraum. Neu entstanden. Und nun? Mieten niedrig? Wenn nein, warum nicht? Klappe halten. Nicht nachdenken. Einfach bauen. Wir alle. Für Frankfurt.

Das Urteil unserer Jury:
Das in der Wirtschaftswissenschaft gelehrte Prinzip, man müsse nur das Angebot erhöhen und der Marktpreis fällt, stammt von Adam Smith aus dem Jahr 1776. Leider lassen sich im 21. Jahrhundert keine empirischen Belege finden, dass Mieten in Ballungsgebieten sinken, wenn viele Wohnungen gebaut werden. Der im Plakat angedeutete Zusammenhang gilt damit als widerlegt. Deswegen gibt’s von unserer Jury Null Punkte.

In der Ehrlichkeitskategorie – ebenso null Punkte. Mittlerweile glauben nur noch sehr einfältige Geister daran, dass bauen, bauen, bauen automatisch zu sinkenden Mieten führt. Bauen, bauen, bauen heizt dagegen die Bauwirtschaft an, was zu höheren Herstellungskosten pro Quadratmeter Wohnraum aber auch zu ordentlichen Gewinnen der Unternehmen führt.   

Da bleibt die Kategorie Effectability (Wirksamkeit). Und da bekommt das Plakat zwei ehrlich verdiente Punkte für die Verwendung einer leicht verständlichen Sprache. Der Nachweis wird erbracht, dass die Existenz nicht vorhandener Zusammenhänge auch leicht erklärt werden kann.