Wahlplakate verstehen leicht gemacht (Folge 7): Schwarzfahren legal – geht das?

Endlich: Schwarzfahren wird legal

Vor der Wahl ist man gerne großzügig. Warum auch nicht. Es bleibt folgenlos, solange die spendablen Gönner nicht an den Schalthebeln der Macht sitzen. Aber was wenn doch?

Hier wird kein Freibier versprochen sondern Bus und Bahn zum Nulltarif. Auf den ersten Blick eine sympathische Idee. Schauen wir mal genauer hin.

Nulltarif heißt keineswegs kostenlos. Denn Busse und Bahnen kosten einen Haufen Geld und solange nicht ein Esel im Keller steht, der die Moneten scheißt, taucht irgendwann die Frage auf, wer das denn bezahlen wird.

Was die Verkehrsbetriebe aus dem Verkauf von Tickets einnehmen, ist auf die Schnelle nicht rauszukriegen. Nach unserem Blick in die Geschäftsberichte von VGF und Traffiq sind aus dem Verkauf von Tickets in Bus- und Bahnfurt am Main 2019 rund 470 Millionen Euro eingenommen worden. Gewinn machen die Verkehrsbetriebe nicht, der Verlust aus dem Öffentlichen Nahverkehr (rund 90 Millionen Euro) wird schon immer von der Kommune ausgeglichen. Sollen also alle zukünftig legal schwarz fahren dürfen, müsste die Stadt Frankfurt die Tickets selbst bezahlen, 470 Milliönchen selbst drucken, aus irgend einem Geldesel rauspressen oder eben die EZB überfallen. (kleiner Spaß).

Aber da sind ja noch die Steuereinnahmen. Nimmt die Stadt doch fast 2,9 Milliarden Euro an Steuern aller Art ein, von der einfachen Grundsteuer über die dicke Gewerbesteuer bis hin zur Hundesteuer. Blöd nur, dass die Steuergelder schon für andere Dinge des urbanen Lebens verplant sind. Da müssen Museen und Opern gebaut und unterhalten werden, Jugendhäuser, Büchereibusse, Schwimmbäder. Da muss der Müll von Straßen und Grünflächen beseitigt, Radwege gebaut, Straßen repariert und städtische Kitas betrieben werden. Da bedarf es Hilfen zum Lebensunterhalt für viele Frankfurter*innen, und alleine die Aufwendungen für Soziales belaufen sich auf schlappe 1,18 Milliarden Euro. Da schmelzen die 2,9 Milliarden Euro Steuereinnahmen wie die Arktis im Klimawandel. Einfach mehr Schulden machen? Klar. Aber was tun, wenn der Frankfurter Haushalt dann von der Kommunalaufsicht nicht genehmigt wird?

Also: Busse und Bahnen zum Nulltarif versprechen, ohne zu wissen, wer die Kosten übernimmt? Das ist wie „Freibier für alle“ rufen, aber Fersengeld geben, bevor der Wirt abkassieren will.


Das Urteil unserer Jury:
Das hübsch versprochene Geschenk hat einen dicken Haken. Die großzügigen Spender verschenken Mobilität und zahlen mit ungedeckten Schecks. Dieser Trick ist uralt und seit der Mär von den kostenlosen Smartphones oder den gratis Reisen beim Abschluss eines Abos kennt den fast jede(r). Unsere Jury meint daher: Null Punkte für das Plakat mit Nulltarif.

Mit der Ehrlichkeit ist das so eine Sache, solange unklar bleibt, wer die Zeche bezahlen wird. In der Ehrlichkeitskategorie gibt’s aber für die bewundernswerte Naivität der Idee immerhin einen halben Punkt.

Da bleibt die Kategorie Effectability (Wirksamkeit). Und da bekommt das Plakat zwei Punkte. Es gibt doch immer noch genügend Schnäppchenjäger auf der Welt, die alles kaufen, Hauptsache, es ist kostenlos.

Ergänzung und Korrektur:
Mit freundlicher Unterstützung der Pressestelle der Traffiq haben wir mittlerweile genaue Angaben: Die Stadt Frankfurt erzielte im Jahr 2019 aus dem Verkauf von Tickets für Bus und Bahnen inclusive Zeitfahrkarten 245 Millionen Euro.